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Gesang in der Lehrerbildung im Bayern des 19. Jahrhunderts


Projektstart: 23.03.2010
Projektende: 23.03.2010
Projektträger: Universität Augsburg
Projektverantwortung vor Ort: Dr. Martin Fogt

Zusammenfassung

In dieser Forschungsarbeit werden zum ersten Mal die unterschiedlichsten Aspekte in der Gesangsausbildung und in der vokalen Praxis der angehenden Lehrer beschrieben. In der Dokumentation werden alle Lehrerbildungsstätten unter diesen Gesichtspunkten einzeln dargestellt.

Kurzbeschreibung: In dieser Arbeit, einem Beitrag aus dem Bereich der historischen Musikpädagogik, wird der Gesang in seinen unterschiedlichen Funktionen untersucht und diese werden mit den verschiedenen Lehrordnungen und Unterrichtsbestimmungen in Beziehung gesetzt. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Gesangunterricht, den die zukünftigen Lehrer bei einem Vorbereitungslehrer oder in privaten, später staatlichen Präparandenschulen und Seminaren erhielten. Gepflegt wurde hier vor allem die Gesangsliteratur, die auch im Gottesdienst erklang. Lehrer konnten im untersuchten Zeitraum von ihrer Schulstelle allein nicht leben und waren auf Nebeneinkünfte angewiesen. Meist waren die Lehrerstellen mit einem Kirchendienst verbunden, d. h. der Lehrer wirkte zusätzlich als Organist und/oder Chorleiter, im schlimmsten Fall dazu noch als Küster. Durch das so gestaltete Arbeitbild wurde erwartet und erreicht, dass der Lehrer sowohl Staat als auch Kirche treu ergeben war. Von beiden Seiten wurde er beeinflusst und manipuliert, in wesentlichen Bereichen über die Musik, war er doch, vor allem auf dem Land, oftmals der einzige Kulturträger in diesem Bereich. Von staatlicher Seite wurde darauf gedrängt, dass in Seminar und Schule bevorzugt Vaterlandslieder oder Lieder moralisierenden Inhalts gesungen wurden, um die jungen Leute zu guten Staatsbürgern zu erziehen. Die Kirche verfocht über Jahrzehnte eine kirchenmusikalische Reform (Cäcilianismus) und baute hierbei auf die Lehrer in ihrer Funktion als Multiplikator, sowohl in der Zeit der Ausbildung als auch später in der schulischen Praxis. Da der Cäcilianismus seinen Schwerpunkt in Bayern hat, kann hier exemplarisch der Einfluss der Kirche auf die Lehrerbildung aufgezeigt werden. Kurz wird auch auf die Ausbildung der Lehrerinnen und der jüdischen Lehrer Bezug genommen, da hier die Musikfächer eine weniger wichtige Rolle spielen. Im Dokumentarteil der Untersuchung werden alle in Seminar, Präparandenschule und Lehrerbildungsanstalt tätigen Gesanglehrer vorgestellt. Es folgen eine Aufstellung der in den verschiedenen Anstalten verwendeten Unterrichtsliteratur und Kurzbiographien zu den Komponisten, deren Werke gesungen und öffentlich präsentiert wurden. Jede bayerische Lehrerbildungsstätte wird im Folgenden einzeln vorgestellt; Quellen und Quellenlage, Gründung und Schulgeschichte, Lehrer und Unterrichtsverteilung, Lehrnachweis und Unterrichtsliteratur. Dazu kommen ein Überblick über die Musikproduktionen, Hinweise zum Fach Religion, wenn sich Auswirkungen auf den Gesangunterricht ergeben sowie Aktenmaterial wie Visitationsberichte oder methodisch-didaktische Hinweise.

Beschreibung

In dieser Arbeit, einem Beitrag aus dem Bereich der historischen Musikpädagogik, wird der Gesang in seinen unterschiedlichen Funktionen in Lehrerbildung, Kirche und Schulalltag untersucht und diese mit den verschiedenen Lehrordnungen und Unterrichtsvorschriften in Beziehung gesetzt.

Nach Hinführung und Fragestellung zum Thema, nach Darstellung der angewandten Methodik und der Struktur der Arbeit, wird kurz über die staatlich gelenkte Lehrerbildung in Bayern vor dem in der Arbeit besprochenen Zeitraum informiert.

Das folgende Kapitel ist dem Gesangunterricht der Präparanden vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1866 gewidmet. Präparanden waren Jugendliche, die sich zum Lehrerberuf entschlossen hatten und sich auf den Besuch des Seminars vorbereiten mussten. Diesen Unterricht erhielten sie bis 1866, dem Jahr in dem staatliche Präparandenschulen eingerichtet wurden, bei Geistlichen und Lehrern, in privaten Präparandenschulen oder bei Privatlehrern. Vorausgesetzt wurden bei den Präparanden neben den in der Volksschule vermittelten Kenntnissen, Talent und Erfahrung im Musikbereich, pädagogisches Geschick und christliche Gesinnung. Um die Kosten der Ausbildung gering zu halten, nahmen die Präparanden diesen Unterricht oft beim Lehrer ihres Heimatorts, ob dieser dazu geeignet war oder nicht. Den Schwerpunkt bildeten im Musikbereich die Fächer Orgel und Gesang und im letzteren die Literatur, die im Gottesdienst gepflegt wurde. Eine einheitliche Durchführung dieses Unterrichts gab es in den ersten Jahrzehnten der institutionellen Lehrerbildung nicht. Die Qualität der anleitenden Lehrer wurde nicht kontrolliert, Unterrichtsmaterial und –dauer wurden nicht vorgeschrieben und die Präparanden, die auch oft zu Hilfsarbeiten im Haushalt ihres Lehrers missbraucht wurden, nahmen es mit dem Unterrichtsbesuch nicht genau. Die Folge war, dass bei den Aufnahmeprüfungen in das Seminar die ungenügende Vorbildung fast regelmäßig beklagt wurde. Oft besaßen die Präparanden nur die Kenntnisse, die sie noch ihrer Volksschulzeit verdankten. Der Schulwirklichkeit ist deshalb der nächste Abschnitt gewidmet.

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts waren die Schulhäuser, wenn sie überhaupt in einem Ort existierten, oft in einem miserablen Zustand. Die Lehrer unterrichteten zeitweise in ihren Privaträumen und sie konnten froh sein, wenn die Schulpflicht ernst genommen und das Schulgeld bezahlt wurde. Wenn die Lehrer mit ihren Schulkindern überhaupt sangen, erklangen Kirchenlieder, die durch Vor- und Nachsingen gelernt wurden. Auf Stimmbildung wurde kaum Wert gelegt, auf die Förderung von einzelnen talentierten Schülern nur in Ausnahmefällen, dann nämlich, wenn es Repräsentationszwecken bei Schulfeiern, öffentlichen Prüfungen oder in der Kirche diente. Beschrieben wird hier auch das Leben des Volksschullehrers, der, verachtet und sozial auf der untersten Stufe stehend, ohne Nebeneinkünfte nicht existieren konnte. Zu diesen Nebeneinkünften zählte der Dienst in der Kirche, wo der Lehrer als Organist und/oder Chorleiter oder im schlimmsten Fall nur als Küster wirkte. Musik, speziell Gesang spielte im Leben eines Lehrers im untersuchten Zeitraum eine oft lebenswichtige Rolle.

1866 wurde die bisherige Form der Vorbereitung auf das Seminar abgeschafft und in jedem Regierungsbezirk richtete man staatliche Präparandenschulen ein. Damit sollte eine einheitliche und straff organisierte, in jedem Fall aber bessere Ausbildung der Präparanden gewährleistet werden. Der Gesang spielte nach wie vor im Rahmen der Musikausbildung eine wichtige Rolle. Lehrinhalte, Lehrmittel und Unterrichtsstunden wurden genau festgelegt. Dieser Präparandenausbildung folgte der Besuch des Seminars.

Im Folgenden werden das Regulativ von 1809, die Normative von 1836, 1857 und 1866 sowie die Lehrordnung von 1898 vorgestellt und ihre Auswirkungen auf den Gesangunterricht beschrieben. Informiert wird weiter über die Gründung der einzelnen Seminare in den bayerischen Regierungsbezirken, über die Unterrichtswirklichkeit und das Leben in den engen Grenzen des Seminars, über Prüfungen, über Werdegang und soziale Stellung der dort unterrichtenden Gesanglehrer sowie über die soziale Herkunft der Seminaristen. Lehrerbildungsstätten waren Kulturträger, die sich u. a. durch Konzerte immer wieder der Öffentlichkeit präsentierten. Konzertprogramme geben näheren Aufschluss über die aufgeführte Gesangsliteratur, die, mehr weltlich oder mehr kirchlich geprägt, Rückschlüsse auf die Leitung des jeweiligen Hauses zulässt.

In drei Exkursen wird über die Rolle der Gedächtnisübungen, über israelitische Schüler in Seminar und Präparandenschule sowie über die Ausbildung der Lehrerinnen informiert.

Ein weiterer Bereich ist dem Cäcilianismus gewidmet, einer Reformbewegung, die sich die Revitalisierung der alten Kirchenmusik zum Ziel gesetzt hatte. Da diese Reform ihren Schwerpunkt in Bayern und zudem im 19. Jahrhundert hat, kann hier exemplarisch der Einfluss der Kirche auf die Lehrerbildung aufgezeigt werden. Die Seminaristen wurden bereits in ihrer Ausbildungszeit mit der von den Cäcilianern verfochtenen Musik bekannt gemacht. Oft waren Seminarlehrer in den cäcilianischen Organisationen als Funktionäre tätig oder sie versuchten sich in ihren Kompositionen dem gewünschten musikalischen Stilideal anzupassen. Oftmals wurden diese Werke dann in den Lehrerbildungsstätten gespielt und gesungen. Durch all dies sollten die Seminaristen – oft schon in ihrer Präparandenzeit - in die spätere Rolle von Multiplikatoren dieser kirchenmusikalischen Richtung gedrängt werden.

Einem Ausblick ins 20. Jahrhundert schließt sich eine umfassende Dokumentation an: In Lebensläufen werden alle in Seminar, Präparandenschule und Lehrerbildungsanstalt tätigen Gesanglehrer vorgestellt. Es folgen eine Aufstellung der in den verschiedenen Anstalten verwendeten Unterrichtsliteratur sowie Kurzbiographien zu den Komponisten, deren Werke gesungen und öffentlich präsentiert wurden. Jede bayerische Lehrerbildungsstätte wird im Folgenden in einzelnen Rubriken vorgestellt: Quellen und Quellenlage, Gründung und Schulgeschichte, Lehrer und Unterrichtsverteilung, Lehrnachweis und Unterrichtsliteratur. Dazu kommen ein Überblick über die Musikproduktionen und Hinweise zum Fach Religion, wenn sich Auswirkungen auf den Gesangunterricht ergeben. Aktenmaterial wird dann ausführlicher zitiert, wenn - wie z. B. bei Visitationsberichten - gesangsmethodische Probleme oder Vorzüge einzelner Lehrer aufgegriffen werden. Eine Zeittafel rundet die Arbeit ab.

Ziel der Arbeit ist es, ein bislang nur marginal erforschtes Einzelfach in der Lehrerbildung umfassend darzustellen und z. T. mit der Ausbildungssituation in anderen deutschen Staaten zu vergleichen. Die bislang z. B. über den Orgelunterricht oder die Rolle der Bläsermusik erschienenen Arbeiten beschreiben meist nur die musikalische Praxis in einem einzelnen Seminar, was lediglich ein Teilchen im großen musikalischen Puzzle der bayerischen Lehrerbildungsstätten sein kann. In fast zwei Jahrzehnten wurden für die vorliegende Untersuchung sämtliche verfügbaren Akten in Staats-, Stadt-, Kirchen- oder privaten Archiven eingesehen. Bei gleicher Verfügbarkeit und Wertigkeit der Quellen wurden solche aus dem schwäbischen Raum besonders berücksichtigt.

Neues wird zum Thema "Gesang in der Lehrerbildung im Bayern des 19. Jahrhunderts" in Zukunft kaum zu finden sein. Vor allem die umfangreiche Dokumentation dürfte für Wissenschaftler, die im Rahmen der historischen Musikpädagogik forschen, von Nutzen sein: Sie stellt für das 19. Jahrhundert eine wesentliche Arbeitshilfe dar, da durch die Auflistung der Archivquellen die erfolglose Recherche an falschen Orten nahezu ausgeschlossen werden kann.

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