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Kommentierte Edition der Melodien zu den geistlichen Spielen des Osterfestkreises


Das Projekt soll ein seit langem beklagtes Desiderat beheben, das die befriedigende Einbeziehung der Melodieüberlieferung bei der Erforschung der geistlichen Spiele des Mittelalters und der Frühen Neuzeit bislang verhindert hat: Es sollen erstmals alle Melodien der 83 bekannten lateinischen, gemischtsprachigen und volkssprachigen geistlichen Spiele des Osterfestkreises (d.h. von Palmsonntag bis Christi Himmel-fahrt) einschließlich der 21 Marienklagen nach einheitlichen Grundsätzen ediert und vergleichend kommentiert werden. Das Korpus umfaßt etwa 2700 Melodien zu ca. 618 verschiedenen nicht-liturgischen und 298 verschiedenen liturgischen Gesängen. Ziel des Vorhabens ist ein Grundlagenwerk sowohl für die musikwissenschaftliche wie für die philologische Forschung, das zeitlich vom 13. bis ins 17. Jahrhundert reicht und das alle vergleichbaren Quellen aus Deutschland, Böhmen, Frankreich, den Niederlanden, England und dem Patriarchat Aquileia umfaßt.

Da der Kommentar vergleichend angelegt ist, kann beispielsweise erstmals verläßlich angegeben werden, welche Melodievarianten lokal oder regional, welche Melodievarianten eher zeitlich bedingt sind, ob bestimmte Spiele oder Spieltraditionen durch eigene Melodievarianten gekennzeichnet sind. Auf diese Weise lassen sich die philologischen Kriterien zur Bestimmung von Abhängigkeiten zwischen den Quellen weiter untermauern oder auch korrigieren. Weiterhin wird die systematische Unterscheidung zwischen den liturgischen und den nicht-liturgischen Melodien einen wichtigen Beitrag leisten, um die Überlieferung liturgischer Melodien differenzierter als bislang nach lokalen, regionalen und institutionellen Gesichtspunkten zu erforschen.

Nicht zuletzt kann der vergleichende Kommentar eine Reihe von Vermutungen über den Zusammenhang zwischen liturgienahen Osterfeiern und geist-lichen Spielen erstmals auf der Grundlage der gesamten bekannten Überlieferung kritisch beurteilen. Dazu gehört etwa die Frage, ob es auf der Melodieebene Unterschiede zwischen den liturgienahen Feiern und den nicht-liturgischen Spielen gibt. Insgesamt will das geplante Werk endlich die Grundlage schaffen, um bei geistlichen Spielen mit Melodieüberlieferung die Melodieebene – abweichend von der bisherigen Praxis – als konstitutiven Teil in die Erforschung dieser Spiele einzubeziehen.

Projektmitarbeiterin: Dr. Ute Evers