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Nagelseries 520

Die Zauberflöte in Augsburg: Wenn Instrumente singen.
Ein Interview mit Professor Karsten Nagel, Dirigent und künstlerischer Leiter der Zauberflötenproduktion am Parktheater als Marktplatzfassung am 22. Und 23. Juni 2018.

Herr Professor Nagel, warum haben Sie für dieses Opernprojekt die „Zauberflöte“ gewählt?

Weil es eine der lustmachendsten Mozartopern ist, die ich kenne. Sie bereitet Freude, für die Zuschauer, ebenso wie für die Musiker. Es war das erste Stück, das ich an der Nürnberger Oper gespielt habe. Ich war 17 und hatte gerade meine Festanstellung bekommen, die „Zauberflöte“ war sozusagen meine „Musikertaufe“ als Profi im Orchestergraben. Insofern bin ich mit diesem Stück besonders verbunden.

Eine so große lange Oper mit vielen Szenenwechseln und Bühnen und Sängern in einer kleinen Fassung instrumental zu spielen, funktioniert das fürs Publikum?

Oh ja! Wir haben das am Dehnberger Hoftheater mit den Nürnberger Kollegen sehr oft gespielt, auch im Ausland, z.B. auf Plätzen in der Toskana, mit zwei Schauspielern und ganz wenigen Requisiten. Das Publikum war immer begeistert. Die Bläser haben Klangfülle, sie spielen ja auch im Orchester die Melodien, darüber hinaus ist die kleine Fassung witzig und überaus lebendig, auch kürzer, auf die spannenden Momente der Oper fokussiert, sozusagen „Best of“, das macht unglaublich Laune.

Sie bereiten das mit Ihren Studierenden vor. Ist das eine besondere Herausforderung? Was müssen die Bläser dafür können?

Das ist eine Herausforderung, aber auch eine phantastische Chance. Klar, in dieser Aufführung werden die besten Bläserstudierenden des LMZ spielen. Sie wurden ja schon vom ersten Tag ihres Studiums an den Orchestergraben als einen möglichen späteren Berufsort hingeführt und müssen solche Opernpartien einüben. Die Ouvertüre der „Zauberflöte“ z.B. ist ein klassisches Vorspielstück bei Bewerbungen für Fagottisten.
Was ich aber darüber hinaus den Studierenden versuche beizubringen und klarzumachen, ist die besondere Rolle eines Bläsers, mit seiner Verantwortung, aber auch seinen Möglichkeiten. Er spielt ja im Orchester auch solistisch, d.h. er muss auch – vielleicht im Gegensatz zu einem Instrument, das „in der Gruppe“ spielt – mit seiner Stimme das Gespielte solistisch interpretieren. Eine der wichtigsten beruflichen Qualifikationen ist es, dem Dirigenten und den Orchesterkollegen etwas anzubieten. In der Regel ist der Dirigent sehr dankbar und entscheidet oft, die gebotene Interpretation anzunehmen. Das erfordert vom Bläser aber auch, dass er eine eigene Vorstellung entwickelt. Vorstellung und Wahrnehmung sind das A und O. Wir verbringen sehr viel Zeit mit dieser Wahrnehmungsschulung: Der Musiker muss immer gleichzeitig hören, sehen und fühlen, was die anderen spielen, was der Dirigent möchte, was auf der Bühne geschieht, was das mit einem macht. Wenn man diese gleichzeitige Wahrnehmung nicht schafft, hat man im Orchester verloren. So etwas wird im kammermusikalischen Ensemble geschult und dann weiter ausgebaut.

Hat eine solche kammermusikalische Version der Mozartoper etwas, was die große Aufführung nicht hat?

Ich denke schon. Für die Zuhörer ist es schon einmal etwas Anderes, wenn sie auch Zuschauer sind. Die Musiker sitzen nicht im Orchestergraben, sondern auf der Bühne, man kann ihnen sozusagen auf den Mund schauen und erleben, was sie fühlen und machen. Man ist näher dran, man kann den Kern der Musik viel stärker erleben. Die Musik ist unglaublich lebendig. Das war sicher mit ein Grund, warum diese Marktplatzfassung sich sofort nach der Aufführung in Europa verbreitet hat und bis heute nichts an seinem Charme verloren hat.

Sie sind ja in dieser Aufführung Dirigent. Wie sehen Sie sich in dieser Rolle?

Normalerweise spielt man in der Kammermusik ja ohne Dirigent, das ist bei einem lang eingespielten Profiteam ein sehr schöner Dialog. Aber je mehr Musiker dabei sind, desto mehr braucht man einen, der die Ideen aller zu einer geschlossenen Idee zusammenbringt. In unserem Ensemble habe ich natürlich meinen Studierenden voraus, dass ich bereits 22 Jahre lang Opernerfahrung habe. In meinen Jahren als Solofagottist an der Nürnberger und Münchner Staatsoper habe ich alles gespielt, was man spielen kann und kenne unzählige Interpretationen aller Mozartopern. Ich habe dann auch Dirigieren gelernt, u.a. bei Fabio Luisi und Jun Märkl , und habe aus dieser Sicht noch einmal ganz neu die Werke betrachtet. Das kann ich natürlich in den Proben miteinbringen. Eigentlich verstehe ich mich dann am Abend nur noch „Animateur“, der in Erinnerung ruft, was vorher erarbeitet wurde.

Was ist das Besondere an der „Zauberflöte“ unter den Mozartopern?

Nun, natürlich könnte man sagen, sie ist musikalisch reifer, vielseitiger. Sie ist aber auch durch ihre Anlage in der Geschichte von Mozart so toll entwickelt worden. Ich würde sagen, sie ist als Komposition unglaublich mutig, diese gegenübergestellten Charaktere plastisch zu interpretieren. In anderen Opern passt alles gut zusammen und geht fließend durch. Aber gerade durch die Gegensätze in der „Zauberflöte“ und deren starken Charaktere auf der Bühne bekommt die Musik so viel Profil, nirgendwo ist die kompositorische Zeichnung so klar, passt die Musik so gut zum Erlebten, ist jede einzelne Figur musikalisch so interessant. Für die Bläser ist das unglaublich spannend, sie spielen diese Figuren mit, sie sind sozusagen Zwitterwesen zwischen Musikern und Sängern, dementsprechend müssen ihre Instrumente auch singen und so facettenreich und vielseitig wie die dargestellten Figuren sein.
Diese vielen Figuren und Szenen bei der „Zauberflöte“ sind sehr autonom, deswegen passt „Short Cuts“ für die Aufführung auch sehr gut, Mozarts „Zauberflöte“ bietet musikalisch viele sehr eigenständige zauberhafte Stücke.

Also spielen die Musiker die „Zauberflöte“ gern.

Oh ja. Sobald die Musik ertönt, kommt einem ein Lächeln in den Sinn. Da ist alles: deftiger Humor, tiefe Empfindung, hohe Gefühle, Verrücktheiten. Und es ist auch für die Musiker im Orchestergraben immer sehr unterhaltsam. Da bei der Zauberflöte ja viel szenisch dargestellt wird, haben die Musiker auch neben ihrem Spiel immer Unterhaltung. Bei unserer Geschichte sind Studierende aus den Studiengängen Musikvermittlung und Elementare Musikpädagogik beteiligt und setzen eine ganz eigene Story um, oft begleitet die Szene den Erzähler, es gibt bei uns auch ein Spiel zwischen Musikern und Schauspielern, das ist eine tolle Leistung und wird sehr unterhaltsam werden.