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Promotionsprojekt Friedbert Holz


Die Entwicklung des Bildungsauftrages der Musikschulen von ca. 1800 bis heute. Aufgezeigt am Beispiel der Stuttgarter Musikschule.


Zur Entwicklung des Bildungsauftrages von Musikschulen.

Humanistische Bildungstheorien und ihre Wirkung auf die Musikschulentwicklung im 19. Jahrhundert sowie in der Gegenwart. Aufgezeigt am Beispiel der Stuttgarter Musikschule und ihrer Vorläufer-Institute

Der Verband deutscher Musikschulen (VdM) hat im Mai 2015 auf seiner Bundesversammlung in Münster ein Leitbild der öffentlichen Musikschulen im VdM verabschiedet, das sich ausdrücklich zur musikalischen Bildung „im Kontext einer ganzheitlichen Bildung des Menschen und damit als Teil der Allgemeinbildung“ bekennt – mit folgendem Zusatz: „Geleitet von einem humanistischem Menschenbild …“ Doch was genau verbindet den Bildungsauftrag öffentlicher Musikschulen mit einem humanistischem Menschenbild? – historisch gesehen und aus der Perspektive der Gegenwart. Ist der Rückbezug auf Bildungstheorien, die an der Wende zum 19. Jahrhundert entstanden sind, überhaupt noch zeitgemäß? Wenn ja, wie lässt sich dann humanistische Bildung heute verstehen, damit sie der Musikschulentwicklung Anfang des 21. Jahrhunderts neue Impulse geben kann? Und welche Konsequenzen zieht die Beantwortung solcher Fragen für die Musikschulpraxis konkret nach sich?

Es soll gezeigt werden, dass sich der Bildungsauftrag öffentlicher Musikschulen auf humanistische Bildungsideen zurückführen lässt, die in der allgemeinen Bildungstheorie Wilhelm von Humboldts und in der Theorie einer ästhetischen Erziehung Friedrich Schillers ihren Ursprung genommen haben. Am Beispiel der Entwicklungsgeschichte der Stuttgarter Musikschule soll die orientierende Funktion humanistischer Bildungsideen für die gegenwärtige Musikschularbeit verdeutlicht werden.

Bildung ist im 19. Jahrhundert zu einer gesellschaftstreibenden Kraft geworden, von der sowohl integrative Wirkung (→öffentliches Bildungswesen, Vereinswesen) als auch selektive Wirkung (→Bildungsbürgertum) ausging. Mit dem Aufkommen eines bürgerlichen Musiklebens wuchs in Stuttgart ebenso wie an anderen Orten der Bedarf an musikalischen Ausbildungsstätten. Noch kam aber die Möglichkeit, ein tieferes Verständnis für Musik durch das Erlernen eines Instruments zu entwickeln, einem gesellschaftlichen Privileg gleich. Den klassischen humanistischen Bildungstheorien stand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kein gleichberechtigt autonomer musikalischer Bildungsbegriff gegenüber. Anknüpfungspunkte an die Bildungstheorien Humboldts und Schillers ergeben sich in dem Buch „Die Musik des 19. Jahrhunderts und ihre Pflege. Methode der Musik“ (1855) des Berliner Universitätsprofessors Adolph Bernhard Marx. Marx insistiert auf der bildenden Kraft der Kunstmusik, die für jede musikalische Unterweisung als maßgeblich angenommen wird. Er stellt Kunstentwicklung, Volksbildung, Persönlichkeitsentfaltung und musikalischer Lehre in einen gedanklichen Kontext. Eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch auf musikalische Bildung und der tatsächlichen Praxis eines musikalischen Unterrichts trat indes im 19. Jahrhundert allzu offensichtlich zutage - auch an den Musikinstuten in Stuttgart. Noch eilte die Musikpädagogin Lina Ramann ihrer Zeit mit der Forderung nach Lehrplänen für Musikschulen, welche sich an den staatlichen Lehrplänen für das allgemeine Bildungswesen orientieren und sowohl fachspezifische als auch allgemeine Bildungsziele des Musikunterrichts, „bestimmt nach dem Durchschnittsmaass der Begabung und der Altersstufen“, definieren sollten, weit voraus.

Ist die Entstehung des Musikschulwesens im 19. Jahrhundert Ausdruck eines Bürgerbegehrens gewesen, das in seiner Breitenwirkung freilich noch Beschränkungen erfuhr, so bildete im 20. Jahrhundert gerade die Überwindung solcher Beschränkungen den Ausgangspunkt für die Entwicklung des Musikschulwesens im Sinne einer öffentlichen Bildungsaufgabe. Das 21. Jahrhundert eröffnet nun erstmals die Chance, in einem umfassenderen Sinne musikalische Bildungsgerechtigkeit herzustellen. Die drei erneuerten Grundsatzpapiere zum Musikschulwesen - der Strukturplan des Verbandes deutscher Musikschulen in seiner zuletzt 2009 aktualisierten Fassung; die Leitlinien und Hinweise zur Musikschule der kommunalen Spitzenverbände (2010); sowie das „Gutachten Musikschule“ der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (2012) – weisen übereinstimmend der Musikschule eine eigenständige Bildungsaufgabe als Teil der Kommunalen Bildungslandschaft zu. „Mit dem Begriff Bildungslandschaften werden bildungspolitische Ansätze und Strategien bezeichnet, mit denen versucht wird, Bildung im kommunalen Bereich durch Kooperationen und in gemeinsamer Verantwortung vieler Institutionen und Aktionen besser zu fördern und insbesondere Bildungsbenachteiligungen von Kindern und Jugendlichen in benachteiligten Lebenslagen und schwierigen Lebensverhältnissen abzubauen“ (Wolfgang Mack).

Der neuzeitliche Bildungsbegriff, als dessen Begründer Wilhelm von Humboldt gilt, beschränkt sich heute nicht mehr nur auf Bildungswissen oder die Ausbildung spezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern meint den Prozess der gesamten „Entfaltung und Entwicklung der geistig-seelischen, sozialen, kognitiven und emotionalen Werte und Anlagen eines Menschen.“ Er zielt gleichermaßen auf „individuelle Selbstständigkeit“ und „die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe und Chancengerechtigkeit“ (KGSt-Gutachten Musikschule). Musikalische Bildung wird zur allgemein-menschlichen Bildung in dem Ansatz eines wahrnehmungsorientierten Musizierens (→Schiller), das der Musik in ihrer Sprachlichkeit eine welterschließende und kommunikative Funktion zuweist  (→Humboldt). Musikalisches Spiel, „das man schlicht der Freude willen aus intrinsischer Motivation betreibt“ (Michael Dartsch), ist Ausdruck personaler Identität und kann im übertragenden Sinne als Grundlage einer Lebenskunst verstanden werden, die auf Wertvorstellungen wie Verantwortungsbewusstsein, Gemeinsinn, Empathie, Offenheit, Toleranz, Demokratiebewusstsein usw. beruht (vgl. Jeremy Rifkins Deutung von Schillers Spielbegriff). Musikschulen eröffnen Spielräume des Musizierens und verfügen in besonderem Maße über strukturelle Voraussetzungen, um Bildung zu ermöglichen.

Das Leitbild der Stuttgarter Musikschule formuliert einen humanistisch geprägten Bildungsanspruch, an dem sich die Musikschule heute messen lassen will. Die Musikschule möchte über die Beschäftigung mit Musik „die ganzheitliche Entwicklung der Persönlichkeit“ ihrer Schüler fördern und „einen Beitrag für ein lebenswertes Miteinander in einer Gesellschaft, die mehr denn je hohe Anforderungen an den Einzelnen stellt“, leisten. Die Unterpunkte des Leitbildes – Die Musikschule – eine Bildungseinrichtung des Landeshauptstadt / Musikalische Kompetenzen vermitteln / Musik entdecken – Musik erleben / Musik und Schlüsselkompetenzen / Entwicklung und Partnerschaft / Gesellschaft und Öffentlichkeit – enthalten Zielvorstellungen, die sich in der Musikschulpraxis auf ihre konkrete Umsetzung hin überprüfen lassen. Deutlich wird, dass sich der Bildungsauftrag der Musikschule im Sinne einer historisch begründeten Synthese quantitativ erweitert und qualitativ ausdifferenziert hat.