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Interview mit den Dozierenden der Gesangsklassen am LMZ, Agnes Habereder-Kottler (AHK), Sprecherin des Fachbereichs „Gesang“, und Dominik Wortig (DW), stellvertretender Professor für Gesang

(Wir sitzen im ersten Stock des Leopold-Mozart-Zentrums in der Maximilianstraße 59. Die beiden Sänger kommen an, beide leicht erkältet, und beginnen sofort ein Gespräch über die Schwierigkeit, die eigene stimmliche Situation abzuschätzen. Kann man richtig beurteilen, zu was die Stimme, z. B. im Fall einer Erkältung, in der Lage ist? Ab wann die eigene Stimme ein Forcieren nicht verzeiht und dann mit physischen Problemen reagiert? Und wie die Situation nicht nur bei Krankheit, sondern auch bei der Wahl einer Gesangspartie, beurteilt werden muss, wo der Sänger/die Sängerin nicht selten das Gefühl hat, dass die Entscheidung den weiteren beruflichen Weg stark beeinflussen kann…)

 

Liebe Agnes Habereder-Kottler, lieber Domink Wortig, was bedeutet es heute, Sänger zu sein?

AHK: Der Beruf des Sängers ist heute nicht mehr von Idealen getragen. Es ist vielmehr ein ganz hartes Geschäft, bei dem neben Professionalität und hohes technischem Know-How auch noch großes Durchsetzungsvermögen gefordert wird. Die Konkurrenz ist deutlich größer als früher und damit der Erfolgsdruck wesentlich höher. Waren es in Deutschland vor 20 Jahren vor allem die Sänger aus den USA, kommen heute noch viele ambitionierte Sängerinnen und Sänger aus Asien und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hinzu. Der Gesangsjob erfordert in viel höherem Maße Selbstmanagement als früher.

Warum ist diese Anforderung höher als früher?

AHK: Die Anforderung kommt von außen: In Deutschland nimmt die Zahl der festen Ensembles an Opernhäusern und Theatern ab. Kaum ein Haus kann sich heute ein festes Ensemble mehr leisten. Das wird weiter abnehmen und wahrscheinlich wird es in 10,15 Jahren keine Ensembles mehr geben. Man geht mehr und mehr dazu über, sich die einzelnen Stimmen je nach Stück einzukaufen.

Was ändert sich dadurch für den Sänger?

AHK: Abgesehen von der finanziellen Unsicherheit ist der Sänger vielmehr sich selbst überlassen. Der normale Weg, den ich in meiner ersten Zeit erlebt habe, ist, dass man nach der Ausbildung an ein Theater kommt, dort in ein Ensemble integriert wird und „groß gezogen“ wird. Man ist sozusagen in einer Art geschütztem Raum, in dem man lernt und geformt wird. Es gibt heute kein „Hineinwachsen“ in den Job mehr. Heute sind die Ausbildungszeiten schon sehr kurz, und nach der Ausbildung ist man sich selbst überlassen. In den zwei Jahren der Ausbildung müssen junge Sängerinnen und Sänger schnell lernen, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen und auch sich selbst zu bewerben, sich nicht darauf zu verlassen, über Agenten versorgt zu werden.

Auch ist man während seiner „Lehrzeit“ viel stärker auf die eigene Beurteilung angewiesen. Der GMD (Anm.: Generalmusikdirektor) oder Kapellmeister, der einen früher behutsam im übertragenen Sinn an die Hand genommen hat, auch mal angeleitet hat, eine bestimmte Rolle auszuprobieren, kann das heute ohne längere Zusammenarbeit nicht mehr leisten. Die Beurteilung, was geht und was nicht, ob eine Rolle einem stimmlich oder karrieremäßig gut tut, bleibt dem Sänger selbst überlassen. Und man wird dabei nicht wirklich unterstützt, sondern oft auch in Versuchung geführt, eine Rolle zu übernehmen, die ein Regisseur sich für einen denkt, weil er einen bestimmten „Typus“ im Regietheater im Kopf hat, der aber vielleicht für die Stimmentwicklung kontraproduktiv sei kann.

Wie gehen Sie mit diesem Wissen in der Berufsvorbereitung am LMZ um?

Wir haben uns schon seit längerem als Ausbildungsstätte vorgenommen, möglichst frühzeitig die Selbst- und Fremdbeurteilung zu ermöglichen. So arbeiten wir mit Agenturen zusammen, die wir als seriös und verantwortungsvoll einschätzen und bitten sie regelmäßig zu uns, um alle auszubildenden Sängerinnen und Sänger an unserem Haus, auch die des 1. Semesters, anzuhören und ein Feedback zu geben. Die Manöverkritik und auch der Kontakt mit Agenten und das Erlernen des Umgangs mit ihnen kommen also sehr früh. Wir erhoffen uns davon, dass die Fähigkeit, sich selbst besser einzuschätzen, damit schon sehr früh entwickelt und gestärkt werden kann.

Neben den Agenten, wie sieht es mit dem beruflichen Umfeld des Sängers heute aus?

DW: Wie bereits gesagt, das Umfeld ist viel instabiler als früher. Das gilt auch in der Zusammenarbeit mit Dirigenten und Intendanten. Wir beobachten eine zunehmende Verjüngung der Führungspositionen im Musikgeschäft. Während wir noch das Glück hatten, mit z.B. GMDs zu arbeiten, die bereits einen langen Berufsweg hinter sich hatten und damit eine reiche Erfahrung – auch im Umgang mit Sängern, dem „Coaching“ von jungen Stimmen -, ist es heute nicht selten, dass sich die Dirigenten und Produktionsleiter sich selber noch „auf der Fahrt die Hörner abstoßen“.

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Wie war Ihre Ausbildung, wie ist sie heute?

DW: Im Gegensatz zum Orchestermusiker fängt die Gesangsausbildung i.d.R. nicht ganz so früh an. Mit den kürzeren Schulzeiten werden aber auch die Sängerinnen und Sänger heute immer jünger. Und auch die Ausbildungszeiten werden kürzer. Heute ist man in 4 Jahren mit der Ausbildung durch. Ich hatte dafür noch mehr Zeit. Das Karrierestreben ist durch den Konkurrenzdruck heute noch deutlich verschärft. Das „schneller – höher – weiter“ fängt schon auf den Musikhochschulen an, die Ausbildung war früher deutlich relaxter. Und es gab nicht selten so etwas wie einen „doppelten Boden“. Bei meinen ersten Rollen wurde ich mit einem potentiellen Ersatz flankiert, der bis kurz vor der Generalprobe dabei war. DA lässt sich ein Partie auch entspannter einstudieren.

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, was ein Sänger/eine Sängerin lernen muss?

AHK: Früher wie heute kommt es auf den ganzen Menschen und nicht nur auf die Stimme an. DW: Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, in jedem unserer Studierenden den individuellen Menschen zu sehen, ihm seine Freiheit zu bieten, sich physisch und auch psychisch gesund zu entwickeln. Trotz Leistungsstreben.

AHK: In gewisser Weise sind wir hier etwas „altmodisch“, wenn wir unsere Studierenden bremsen, sie nicht gleich an die großen Partien ranlassen, behutsam die Stimme zu entwickeln und sie nicht gleich laut werden lassen. Wir entwickeln Stimmen und keine Karrieren. Karrien kann man nicht „machen“, das geschieht von ganz allein. Wir wollen und müssen auch die Eigenverantwortung stärken.
DW: Das heißt, die eigene Persönlichkeit zu akzeptieren und zu entwickeln.

AHK: Auch die Fähigkeit, mal NEIN zu sagen. Oder darüber nachzudenken, was das für mein sonstiges Leben bedeutet, sich die Frage zu stellen „wie viel bin ich bereit, für meinen Beruf zurückzustecken?“. Denn als Sänger/in muss man für die Sache „brennen“.

Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an der Ausbildung am LMZ?

AHK: Ganz sicher, die Ganzheitlichkeit, mit der Ausbildung hier betrieben wird. Und die zugewandte, aufmerksame und persönliche Betreuung jedes Einzelnen.

DW: Das Schöne am LMZ ist, dass hier Dozierende verschiedener Sängergenerationen arbeiten und alle das gleiche Ideal haben… AHK: Ja, das ist ein Glücksfall. Wir haben heute Dozierende, die nicht meinen und es auch nicht nötig haben, ihre Karriere am Haus zu befördern. Sie haben ihre – z.T. auch sehr junge - Karriere bereits außerhalb gemacht und kommen mit einem großen Schatz an Wissen und technischen Fähigkeiten hierher, um das weiterzugeben.

Wir wollen hier die Studierenden begleiten und behutsam führen. Weil wir ein kleines, sehr persönlich geprägtes Haus sind, können wir uns dieses „Miteinander gehen“ gut leisten. Wir sind nach oben orientiert, aber mit Bodenhaftung.

DW: Der Wille zum Erfolg heißt nicht, „karrieregeil“ zu sein, sondern sich darauf seriös und verantwortungsvoll, d.h. mit dem Bewusstsein für die eigene Verantwortung auf eine Karriere vorzubereiten. Vielleicht auch mit einer inneren Verpflichtung: Ich habe eine Gabe, ein Talent und will später einmal eine Antwort geben können, was ich daraus gemacht habe.

Zum Abschluss: Erzählen Sie uns doch ein „Highlight“ aus Ihrem Berufsleben!

AHK: Da habe ich eine sehr schöne Geschichte: Florenz, Maggio Musicale, die „Götterdämmerung“ unter Zubin Metha. Ich war zum ersten Mal als Gudrun auf der Bühne.
Vor meinem Einsatz im dritten Akt wird der Trauermarsch gespielt, und Zubin Metha hatte die Angewohnheit, diesen auswendig zu dirigieren. Er dirigiert ihn  also auswendig und findet dann die Anschlussstelle in der Partitur nicht. Er hat die Stelle überblättert und beginnt nun, in der Partitur zu blättern. Das Orchester, das zunächst einfach weitergespielt hat, beginnt nun, langsam aufzuhören, erst setzen die Streicher aus, dann die Holzbläser, dann die Blechbläser usw., bis alle stumm sind. Bis auf das Horn, das mir den Einsatz im Spiel gibt.
Da ich Klavierspielen gelernt habe, habe ich immer meine Rollen mit dem Klavierauszug einstudiert und hatte somit auch die Orchesterpartien im Groben im Kopf. Ich hört also das Horn und setzte ein „War das sein Horn?“ Das war die Zeit, die Metha gebraucht hatte, um die richtige Seite wieder zu finden, er dirigierte wieder und das Orchester spielte wieder. Das Publikum hatte nichts gemerkt. Nach der Vorstellung kam Zubin Metha zu mir, mit einem Blumenstrauß, und ist vor auf die Knie gegangen und hat mir mit einem großen Dank die Hände geküsst. Dann sagte er, er hätte keine Angst gehabt, dass es schief geht und ich sagte: „Ich auch nicht!“ Und dachte mir, dass ich Gottseidank gut, wirklich gut vorbereitet war.

DW: Auch bei mir war es eine Premiere, nämlich die an der Mailänder Scala, wo ich den mit der Rolle des Steuermanns im „Fliegenden Holländer“ debütierte. Als wir uns alle am Vorhang aufgereiht standen, um den Applaus entgegenzunehmen. Eine Kollegin fragte mich: „Und?“ Ich sagte, dass es atemberaubend ist, dort zu stehen und das Gefühl zu haben, wo alle Größen des Gesangs seit Jahrhunderten gestanden haben. Und die Kollegin sagte: Na das ist doch toll, wenn man da hinkommt, wo man hinwill.“ Und ich dachte mir, dass ich nie mir überlegt habe, wo ich hinwill. Ich habe versucht, das Beste aus mir zu machen und bin meistens an Orte gekommen, wo ich nie dachte, dass ich jemals hinkommen würde. Ich habe nicht geplant, Karriere zu machen. Ich habe immer versucht, zu fühlen, ob ich am richtigen Platz bin. Das ist bis heute so geblieben, als „Parsifal“ auf der Bühne wie bei meinen Studierenden am LMZ.