Suche

Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung


Forschungsbereich B: Wissenssoziologie internationaler Politik

Globalisierte Zeugenschaft. Konstitutionen translokaler und politisierter Sozialräume in der Praxis von internationalen Nichtregierungsorganisationen  (Arbeitstitel)

Dissertationsprojekt von Michaela Zöhrer

Auch im globalen, hochgradig kommunikationstechnologisch vernetzten Zeitalter ist es nach wie vor keine Selbstverständlichkeit, dass „die Welt“ davon erfährt, dass irgendwo auf dem Planeten gewaltsame Konflikte oder Katastrophen stattfinden; erst recht ist die Herstellung massenmedialer oder politischer Öffentlichkeiten für distant sufferings oder „in der Ferne“ stattfindende Atrozitäten durchaus voraussetzungsreich. An eben diesem Punkt setzt bekanntermaßen das Engagement diverser international operierender Nichtregierungsorganisationen (INGOs) an: Diese generieren „vor Ort“ Wissen über krisenhafte, katastrophale und konfliktive Ereignisse, welche fernab der geographisch-unmittelbaren Erfahrungsräume eines Großteils der Weltbevölkerung geschehen, sind bemüht dieses Wissen einem breiten, potentiell internationalen Publikum zugänglich zu machen und führen letztgenanntem den (aus ihrer Sicht) resultierenden Handlungsbedarf mit Nachdruck vor Augen.

Das Dissertationsprojekt analysiert vor diesem Hintergrund aus wissenssoziologischer und kulturhermeneutischer Perspektive die Praxis von INGOs, welche sich als humanitäre oder Menschenrechtsorganisationen qualifiziert lassen und deren Tätigkeitsfeld sich sowohl auf Einsätze in den jeweiligen Krisen- und Katastrophenregionen als auch auf (medien-) öffentliche Repräsentationen „ferner Wirklichkeiten“ erstreckt. Aufgeworfen wird die Frage, inwiefern im Zuge der Dokumentations- (discovery/ fact-finding) und Repräsentationspraxis (advocacy) von INGOs, welche „im Namen der Menschenrechte“ tätig sind, translokale Sozialräume konstituiert und ggf. politisiert werden. Der Fokus der empirischen Untersuchungen richtet sich dann zum einen auf (Selbst-) Beschreibungen der fact-finding Praxis von INGOs; zum anderen werden unterschiedliche Dokumentations- und Repräsentationsmodi sowie eine Auswahl fallspezifisch veröffentlichter Konstruktionen „ferner Wirklichkeiten“ zur qualitativen Analyse herangezogen.

Das Projekt rekurriert im Besonderen auf aktuelle Diskussionen im Kontext der soziologischen und kulturanthropologischen Globalisierungsforschung. Zudem stellt die mittlerweile interdisziplinär populär diskutierte Konzeption von „Zeugenschaft“ einen wesentlichen Anknüpfungspunkt dar; diese wird sowohl als epistemologische bzw. wissenssoziologische (Grundlagen-) Kategorie als auch als soziokulturelle „Wissenspraxis“ verstanden und im Zuge der Analyse herangezogen. Darüber hinaus wird auf soziologisch und kulturwissenschaftlich informierte Ansätze in den (post-positivistischen) Internationalen Beziehungen zurückgegriffen und an Erkenntnisse und Diskussionen politischer Kommunikations-, sozialer Bewegungs- sowie der Friedens- und Konfliktforschung angeschlossen.

 
Literatur:

Zöhrer, Michaela (2011): Bearing witness as transnational practice of knowledge. Representations of distant sufferings by human rights INGOs (Vortrag im Rahmen der IX. Sommerschule des Graduiertenzentrums Geistes- und Sozialwissenschaften, Research Academy Leipzig: Crossing National Borders: People, Goods, Capitals, and Ideas. Leipzig, 19.-22. September 2011), unv. Ms.