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Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung


Forschungsbereich A: Konflikt-, Friedens- und Gewaltforschung

World societay meets violent conflict - Eine verstehende Rekonstruktion gewaltsamer Konflikte in der Weltgesellschaft

Einerseits legen die Befunde empirischer Forschung nahe, dass es sich bei der Mehrzahl der seit 1990 insgesamt rückläufigen Kriege und bewaffneten Konflikte weltweit um „innerstaatliche“ Konflikte handelt, die durchschnittlich wesentlich länger dauern als „zwischenstaatliche“ Kriege und überwiegend in Staaten außerhalb der OECD-Welt zu verorten sind. Andererseits liefern Studien zu Räumen begrenzter Staatlichkeit, zu transnational vernetzten Kriegsökonomien und zu regionalen Konfliktsystemen Indizien dafür, dass die klassischen Interpretationsmuster und analytischen Kategorien der politikwissenschaftlichen Teildisziplin der Internationalen Beziehungen (IB) immer weniger geeignet zu sein scheinen, ein sich wandelndes Kriegs- und Konfliktgeschehen in der Welt zu erfassen; die in Konflikten beobachteten, vielschichtigen grenzüber-schreitenden Beziehungen und Netzwerke sozialer, ökonomischer und politischer Art verdeutlichen, dass Konfliktparteien, -gegenstände, -austragungsformen und ihre Wahrnehmung in globale Zusammenhänge eingebettet sind oder kurz: dass es sich um weltgesellschaftliche Konflikte handelt. In meinem Dissertationsprojekt werden theoretische Vorarbeiten aufgegriffen, die Elemente aus den IB und der soziologischen Systemtheorie Luhmannscher Prägung aufnehmen und im transdisziplinären Rahmen einer konstruktivistischen Konfliktforschung verknüpfen: Erstens begreift ein an beide Disziplinen anschließender Weltgesellschaftsansatz die Entwicklung internationaler Beziehungen als Prozess der (funktionalen) Differenzierung im globalen Maßstab; ausgehend von dieser Grundannahme treten soziale Konflikte mit hohem Eskalationspotenzial insbesondere dort auf, wo unterschiedliche Muster von Differenzierungsprozessen „Brüche“ zwischen weltgesellschaftlichen Teilsystemen, etwa zwischen dem Anspruch nationalstaatlicher Machtausübung (Politik) und den dynamischen Strukturen eines globalisierten Weltmarktes (Wirtschaft), provozieren. Zweitens liegt diesem Projekt die systemtheoretische Annahme zugrunde, dass Kommunikation die konstitutive Basis alles Sozialen ausmacht; Konflikte werden vor diesem Hintergrund nicht im Hinblick auf vermeintlich materiell gegebene Ursachen verstanden, sondern weil wahrgenommene Widersprüche von Beteiligten adressiert, rezipiert und damit sozial wirkmächtig werden; Konflikte stellen somit in erster Linie diskursive Konstruktionen bzw. kommunikative Ereignisse dar. Mit Blick auf die Gretchenfrage der Friedens- und Konfliktforschung (FKF) – Wie eskalieren Konflikte? – verstehe ich selbige mit Luhmann (1984: 532f.) als „hoch integrierte soziale Systeme“, die tendenziell alle Aufmerksamkeit und alle Ressourcen in ihrer (welt-)gesellschaftlichen Umwelt für sich in Anspruch nehmen und unter den „Kontext der Gegnerschaft“ bringen. Mit anderen Worten: In eskalierenden Konflikten schließt Widerspruchskommunikation aus verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen erfolgreich und dauerhaft aneinander an. Den Luhmannschen Gedanken weiterführend, möchte ich Konfliktsysteme nicht nur als abstrakte theoretische Konzepte, sondern als empirische Forschungsgegenstände auffassen, die als relationale Gebilde in ihrer Entstehung, ihrer Reproduktion und ihrem Zerfall (wissenschaftlich) beobachtbar bzw. rekonstruierbar sind; das beabsichtigte kommunikative Mapping eskalierender Konfliktsysteme wird methodisch im Rahmen einer Analyse von Textdatenmaterial umgesetzt, das aus der dokumentierten (sprachlichen) Kommunikation von KonfliktbeobachterInnen (mit anderen Worten aus den jeweils spezifischen diskursiven „Konflikt“-Konstruktionen, z.B. von Konfliktparteien oder MedienberichterstatterInnen) besteht.

Mein Dissertationsprojekt verfolgt zwei übergeordnete Zielsetzungen: Zunächst werden Eskalationsprozesse im Vorfeld organisierter kollektiver Gewalt anhand mehrerer ausgewählter Fallstudien (bewaffnete Konflikte, Kriege) detailliert nachgezeichnet. Darüber hinaus wird gezeigt, dass soziologisch-systemtheoretische Annahmen für die Konfliktforschung fruchtbar gemacht werden können und perspektivisch auch für den Bereich der Konflikttransformation bzw. Konfliktbearbeitung neue Erkenntnisse bereithalten.