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Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung


Forschungsbereich A: Konflikt-, Friedens- und Gewaltforschung

Globale Zivile Konfliktbearbeitung? Der Aktionsplan „Zivile Krisenprävention“ der Bundesregierung

Die globalen Herausforderungen und Krisen, denen sich die Staaten in der Weltgesellschaft gegenüber sehen, verlangen nach Reaktionen und Strategien, mit denen sich die Systeme stabilisieren lassen, also nach erhöhter Resilienz. Der Aktionsplan „Zivile Krisenprävention“ ist als ein Versuch der deutschen Außenpolitik zu verstehen, die Reduktion bzw. den Verzicht auf Gewalt in inter- und transnationalen Konflikten zu befördern bzw. zu stabilisieren. Inwiefern gelingt dies, welche Einsichten und Erkenntnisse sind in den Aktionsplan eingeflossen und wie ist die Umsetzung zu beurteilen? Können die internationalen Beiträge der Bundesrepublik Deutschland zur nicht-militärischen Bearbeitung von Konflikten und Krisen in den Konfliktregionen der Welt Krisenprävention und Gewaltverhinderung und damit zur globalen zivilen Konfliktbearbeitung beitragen? Diese Fragen werden u.a. bearbeitet hinsichtlich der deutschen und europäischen Unterstützung der ECOWAS.

 

Forschungsprojekt
Si vis pacem, para integrationem? Die Economic Community of West African States aus der Perspektive der Friedens- und Konfliktforschung

„In reviewing current global institutional architecture and its capacities, it is important to understand and assess the role of regions and regional groups or institutions in conflict management“ (Crocker et al. 2011). Dieses Forschungsprojekt befasst sich mit der Konfliktbearbeitung in Westafrika und dem Beitrag der Economic Community of West African States (ECOWAS) zur Reduktion gewaltsamen Konfliktaustrags. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts zeigt die Geschichte der ECOWAS eine, abgesehen von der Europäischen Union, weltweit beispiellos weitreichende Entwicklung regionaler Integration, insbesondere im Bereich Sicherheit und Frieden. Kaum eine Regionalorganisation kann annähernd so viele Friedensmissionen, Verhandlungsinitiativen, Mediationsdienste, Interventionen und diplomatisches Engagement aufweisen. Die jüngsten Beispiele ihres Engagements, die erfolgreiche Vermittlung nach einem Militärputsch in Guinea-Bissau 2012, die Vermittlung nach dem Militärputsch in Mali 2012 und die Entsendung von Eingreiftruppen, legen nahe, dass die ECOWAS, wenngleich von Zeit zu Zeit in Kooperation mit externen Akteuren (z.B. Frankreich bzw. den Vereinten Nationen im Fall Mali), zu einem als eigenständig wahrgenommenen Akteur des regionalen Konfliktmanagements innerhalb der Afrikanischen Union und damit der internationalen Politik geworden ist. 

Aus der Perspektive der Friedens- und Konfliktforschung ist diese Entwicklung der ECOWAS ein Beispiel für Friedenssicherung durch Integration, insbesondere durch die Etablierung von Normen und Institutionen, die bei aktuellen und zukünftigen Konflikten die Anwendung von Gewalt verhindern sollen („zivile Konfliktbearbeitung“). So sieht etwa die Charta der Vereinten Nationen in Kapitel VIII vor, dass Regionalorganisationen im Falle der Gefährdung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit, die aus regionalen Konflikten erwachsen kann, im Rahmen der Autorisierung durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Verantwortung für die friedliche Beilegung von Konflikten übernehmen können. Es stellt sich in diesem Zusammenhang also die Frage, inwiefern die ECOWAS friedliche, d.h. zivile Konfliktbearbeitung betreibt bzw. über Normen und Institutionen verfügt, die diese ermöglichen. Die Frage nach der „Friedensleistung“ der ECOWAS besitzt auch aus Sicht der deutschen Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik, die die ECOWAS im Rahmen ihres Schwerpunkts der „Zivilen Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“ umfangreich unterstützt, große Relevanz.

Insgesamt kann die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der ECOWAS zwar auf umfangreiche theoretische und empirische Forschung zur Entstehung und Dynamik des regionalen Integrationsprozesses in Westafrika, z.B. in den Regionalwissenschaften, zurückgreifen. Es mangelt jedoch an empirisch fundierten und theoretisch zurückgebundenen systematischen Analysen zur ECOWAS, die sich mit den unterschiedlichen Verhaltensmustern der Regionalorganisation im Bereich des Konfliktmanagements befassen. Vor diesem Hintergrund verfolgt das hier skizzierte Forschungsprojekt zwei übergeordnete Zielsetzungen: Das erste Ziel ist auf eine Erklärung des ECOWAS-Engagements bei der Bearbeitung von Konflikten in Westafrika gerichtet und besteht in der Analyse der unterschiedlichen Konfliktbearbeitungsstrategien der Regionalorganisation; das zweite, damit zusammenhängende Ziel ist es, zu untersuchen, inwieweit die Entwicklung der ECOWAS als Beitrag zur zivilen Bearbeitung von Konflikten in Westafrika verstanden werden kann. Beide Ziele sollen anhand der Beantwortung der folgenden forschungsleitenden Fragestellung erreicht werden: Inwiefern trägt die ECOWAS zur zivilen Bearbeitung von Konflikten in Westafrika bei?

Zur Beantwortung dieser Fragestellung werden im Rahmen dieses Forschungsprojekts detaillierte Prozessanalysen von exemplarischen Entscheidungsprozessen innerhalb der relevanten Institutionen der ECOWAS durchgeführt. Zur geplanten Rekonstruktion dieser Entscheidungsprozesse sollen insbesondere die Perspektiven der beteiligten politischen Entscheidungsträger sowie jene Dritter, die den Prozess beobachtet, kommentiert und dokumentiert haben, berücksichtigt werden. Durch ein Vergleichsdesign anhand mehrerer Längsschnittanalysen bei Varianz auf Seiten der Intensität des ECOWAS-Konfliktmanagements werden die Einflussfaktoren identifiziert, die für die jeweils getroffenen Entscheidungen bei der Konfliktbearbeitung durch die ECOWAS relevant waren. Die entsprechenden Prozessanalysen werden auf der Grundlage von Interviews mit Entscheidungsträgern und der induktiven Analyse von Dokumenten mithilfe qualitativer Inhaltsanalysen durchgeführt. Dabei wird sowohl die Perspektive von Entscheidungsträgern der deutschen Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik als auch jene der Beteiligten vor Ort einbezogen.

Ziel des Forschungsprojekts ist es, notwendige und hinreichende Bedingungen zur Erklärung der Entscheidungsprozesse der ECOWAS, d.h. der Entscheidungen bezogen auf die Wahl der Konfliktbearbeitungsstrategien, benennen zu können. Damit soll beurteilt werden, ob sich die ECOWAS zu einer Institution der zivilen Konfliktbearbeitung entwickelt hat bzw. durch ihr Engagement Normen gestärkt wurden/werden, die den Gewaltverzicht bei der Austragung politischer Konflikte in Westafrika beinhalten. Dies ist von besonderer Relevanz für die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik, die als „Zivilmacht“ mit ihrer Unterstützung der ECOWAS auf eine gewaltfreie Regelung der regionalen Konflikte abzielt und hierfür den europäischen Integrationsprozess als gelungenes Beispiel struktureller Krisenprävention beschreibt.

Das Forschungsprojekt wurde in der Pilotphase (09/2012 - 06/2013) vom Kompetenzzentrum Kultur- und Bildungswissenschaften (KKB) der Universität Augsburg finanziert.

Projektmitarbeiter:
Prof. Dr. Christoph Weller
Richard Bösch, M.A.

 

Literatur:

Bösch, Richard: Regional organizations as new building blocks of peace? Inclusive conflict management in West Africa - some theoretical considerations, Papier präsentiert bei der 8th Pan-European Conference on International Relations vom 18. - 21. 9. 2013 in Warschau, Polen. | pdf

Stengel, Frank A./ Weller, Christoph: Action Plan or Faction Plan? Germany´s Eclectic Approach to Conflict Resolution, in: International Peacekeeping 17 (2010): 1, 93-107.

Weller, Christoph: Zivile Krisenprävention und Konfliktbearbeitung: Politische Herausforderungen und der Aktionsplan der Bundesregierung, in: Schlotter, Peter et al. (Hrsg.): Berliner Friedenspolitik? Militärische Transformation - Zivile Impulse - Europäische Einbindung (AFK-Friedensschriften, Band 34), Baden-Baden: Nomos, 2008, 109-136.

Stengel, Frank A./ Weller, Christoph: Vier Jahre Aktionsplan "Zivile Krisenprävention" - war das alles? (GIGA Focus Global 11/2008), Hamburg: German Institute of Global and Area Studies. - 7 S.

Weller, Christoph: Aktionsplan Zivile Krisenprävention der Bundesregierung - Jetzt ist dynamische Umsetzung gefordert. Eine Zwischenbilanz nach drei Jahren, INEF Policy Brief 02. Duisburg: Institut für Entwicklung und Frieden (INEF), 2007. - 15. S. | pdf

Weller, Christoph: Aktionsplan Zivile Krisenprävention: Nur eine Absichtserklärung?, in: eins - Entwicklungspolitik, Information Nord-Süd 10-11/2007, 25-26.

Weller, Christoph: Jetzt die dynamische Umsetzung gefordert. Eine Zwischenbilanz zum Aktionsplan Zivile Krisenprävention, in: Frieden braucht Fachleute: Zeitung des Forum Ziviler Friedensdienst 3/2007.

Weller, Christoph: El Plan de Acción Alemán: Prevención Civil de Crisis, Resolución de Conflictos y Construcción de la Paz, in: Documentación Social: Revista de Estudios Sociales y de Sociología Aplicada 142 (julio-septiembre 2006). Madrid, 2006, 99-116.