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Viel Lärm um das Nichts: Heidegger, Carnap und Horkheimer im Streit um Logik und Metaphysik


Titel: Viel Lärm um das Nichts: Heidegger, Carnap und Horkheimer im Streit um Logik und Metaphysik
Dozent(in): Prof. Dr. Uwe Voigt
Termin: Di 17.30 - 19.00 Uhr
Gebäude/Raum: Geb. D / Raum 2118
Anmeldung: Digicampus
Modulsignatur: - Modulgesamtprüfung: BacPhil 21-TDV, BacPhil 32-S, MaMath 52-TD (G), MA-Phy 46-22 TD (G), MaMath 52-TD (S), MA-Phy 46-22 TD (S), MastMath2013-E-Phi-Akt, MastMath2013-E-Phi-ProbMeta, MPhil 2, MPhil 5 MA IES B1-IG/B2-IG, MA IES C1-IG/C2-IG, MA IES E-07/08 - Lehrveranstaltungsprüfung: Ma-Phy 46-02 (G), Ma-Phy 46-12 (S) - Weitere Zuordnungen: Magister, D Pol, EF Ethik, EF Philosophie/Ethik


Inhalt der Lehrveranstaltung:

Dieses Hauptseminar befasst sich sowohl mit einem wichtigen philosophiegeschichtlichen Phänomen als auch mit den grundlegenden systematischen Problemen, die in jenem Phänomen greifbar werden.

Bei dem philosophiegeschichtlichen Phänomen handelt es sich um eine „Quasi-Kontroverse“ (Puntel), die in den späten 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zuerst zwischen Martin Heidegger und Rudolf Carnap ausgetragen wird und in die sich dann Max Horkheimer mit einer zunächst überraschenden Zielrichtung einschaltet.

In seiner Freiburger Antrittsvorlesung „Was ist Metaphysik?“ unternimmt Heidegger den Versuch, Metaphysik von innen heraus zu problematisieren, und zwar von einem Thema her, das seiner Meinung nach in der Metaphysik verdrängt wird und sich gerade deshalb in der Auseinandersetzung mit ihr aufdrängt: dem Nichts. In diesem Zusammenhang fällt der Satz „Das Nichts nichtet“. Dass dieser Satz mittlerweile berühmt-berüchtigt ist, liegt nicht zuletzt an der Intervention Rudolf Carnaps, der in seinem 1932 veröffentlichten Beitrag „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“ eben jene Aussage Heideggers als exemplarischen Fall einer metaphysischen Sinnlosigkeit vorführen möchte. Zwar antwortet Heidegger darauf indirekt in seiner Einführung in die Metaphysik von 1935, indem er formale Logik in metaphysischen Fragen zu einem untauglichen Instrument erklärt, ohne dabei Carnap namentlich zu erwähnen. Eine wirkliche Diskussion mit dem schon frühzeitig in die USA emigrierten Carnap kommt allerdings nicht zustande. Dafür wendet sich der inzwischen ebenfalls nach Amerika geflüchtete Max Horkheimer 1937 in seinem Aufsatz „Der neueste Angriff auf die Metaphysik“ nicht etwa gegen den mittlerweile durch sein Rektorat zu Beginn der Nazi-Herrschaft gezeichneten Heidegger, sondern gegen Carnap und die mit ihm verbundene Philosophengruppe, die im Rahmen einer auch soziologischen Betrachtung insgesamt in die Nähe des Faschismus gerückt wird. Auch in diesem Fall kommt es jedoch nicht zu einem offenen Austausch von Argumenten.

Diese Texte in ihrem historischen Kontext zu interpretieren ist schon an sich eine reiz- und anspruchsvolle Aufgabe. Damit verbunden und darüber hinaus stellt sich jedoch auch die Frage, wie es sich denn nun mit der Metaphysik und der logischen Analyse verhält und wie es um eine Disziplin – die Philosophie – bestellt ist, wenn deren exemplarische Vertreter übereinander so vernichtende Urteile fällen und dabei lediglich aneinander vorbeireden. Hier stehen wir gleichsam an den Wurzeln der nach wie vor wirksamen und beklagten Spaltung der Philosophie in analytische und kontinentale „Lager“, die zugleich sowohl in sich wiederum zerfallen als auch, häufig unmerklich, gleichsam unterirdisch, untrennbar miteinander verflochten sind. Im Grunde geht es also um die metaphilosophische Frage, ob und wie Philosophie noch möglich ist. Die Zeit dafür, diese Frage im Hinblick auf die erwähnte „Quasi-Kontroverse“ zu diskutieren, ist sehr günstig, da mittlerweile die Hitze des Gefechts einem kühlen Rückblick Platz gemacht hat – über dem allerdings die systematische Relevanz nicht verloren gehen sollte.

Eine Besonderheit des Hauptseminars besteht darin, dass hier alle drei Seiten betrachtet werden, während sich die Sekundärliteratur meistens nur auf die Spannungen zwischen Heidegger und Carnap einerseits oder Carnap und Horkheimer andererseits konzentriert.

Methode:
Lektüre und Interpretation von der genannten Texte und einschlägiger Sekundärliteratur im Hinblick auf die erwähnte metaphilosophische Frage

Zielsetzung:
Vertiefte Kenntnis der metaphilosophischen Probleme im Zusammenhang der „Quasi-Kontroverse“ zwischen Heidegger, Carnap und Horkheimer


Literatur zur Lehrveranstaltung:

Primärliteratur

Carnap, Rudolf 1932: Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache. In: ders. 2004, 81-109

– 2004: Scheinprobleme in der Philosophie und andere metaphysikkritische Schriften. Herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Thomas Mormann. Hamburg

Heidegger, Martin 1929: Was ist Metaphysik? In: ders. 21978, 103-121

41976: Einführung in die Metaphysik. Frankfurt am Main (GA 40)

21978: Wegmarken. Frankfurt am Main

Horkheimer, Max 1937: Der neueste Angriff auf die Metaphysik. In: ders. 1988, 108-161

– 1988: Gesammelte Schriften. Band 4: Schriften 1936 – 1941. Herausgegeben von Alfred Schmidt. Frankfurt am Main 1988

Wittgenstein, Ludwig 1967: Wittgenstein und der Wiener Kreis. Von Friedrich Waismann. Aus dem Nachlaß herausgegeben von B.F. McGuiness. Frankfurt am Main (Schriften 3)

 

Sekundärliteratur

Abromeit, John 2013: Max Horkheimer and the Foundations of the Frankfurt School. Oxford

Borchers, Dagmar 2009: ‚Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.‘ Zur Vertreibung der Wissenschaftlichen Weltauffassung im ‚Dritten Reich‘ und zu ihrer Bedeutung für die Entwicklung der analytischen Philosophie. In: Sandkühler 2009, 323-338

Dahms, Hans-Joachim 1994: Positivismusstreit. Die Auseinandersetzung der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus. Frankfurt am Main

Friedman, Michael 2000: A Parting of the Ways: Carnap, Cassirer, and Heidegger. Chicago

– 2004: Carnap. Cassirer. Heidegger. Geteilte Wege. Frankfurt am Main

Gabriel, Gottfried 2000: Carnap und Heidegger. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 48, 487-497

Mormann, T. 2000: Rudolf Carnap. München

O’Niel, John / Uebel, Thomas 2004: Horkheimer and Neurath: Restarting a Disrupted Dispute. In: European Journal of Philosophy 12, 75-105

Puntel, Lorenz B. 1997: Metaphysikkritik bei Carnap und Heidegger: Analyse, Vergleich, Kritik. In: ders. 2007, 255-287

– 2007: Auf der Suche nach der Gegenstand und dem Theoriestatus der Philosophie. Philosophiegeschichtlich-kritische Studien. Tübingen

Reisch, George A. 2005: How the Cold War Transformed Philosophy of Science. To the Icy Slopes of Logic. Cambridge

Sandkühler, Hans Jörg (Hg.) 2009: Philosophie im Nationalsozialismus. Hamburg

Stadler, Friedrich (Hg.) 1997: Bausteine wissenschaftlicher Weltauffassung. Wien-New York

 

Weitere Informationen zu Semesterbeginn. Es wird insbesondere darum gebeten, die Digicampus-Einträge zu berücksichtigen.


weitere Informationen zu der Lehrveranstaltung:

empfohlenes Studiensemester der Lehrveranstaltung: je nach Prüfungsordnung
Fachrichtung Lehrveranstaltung: Alle Studierende nach Maßgabe der Modulzuordnungen
Nummer der Lehrveranstaltung: 04 01 01 0001
Dauer der Lehrveranstaltung: 2 SWS
Typ der Lehrveranstaltung: HS - Hauptseminar
Semester: WS 2014/15