Suche

Stellungnahme des Rats für Migration zu den menschenfeindlichen Aufmärschen in Deutschland


In der Pressemitteilung vom 22.12.2014 verurteilt der Rat für Migration entschieden die völkischen Aufmärsche (PEGIDA etc.).

Der Rat für Migration ist ein bundesweiter Zusammenschluss von 79 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Seine zentrale Aufgabe sieht der RfM u.a. darin, politische und öffentliche Debatten über Migration, Integration und Asyl kritisch zu begleiten.

Stellungnahme des Rats für Migration zu den menschenfeindlichen Aufmärschen in Deutschland

Der Rat für Migration verurteilt entschieden die völkischen Aufmärsche, die sich seit einigen Wochen etablieren. Sie werden getragen von menschenfeindlichen Meinungen über Asylbewerber, Flüchtlinge und vor allem einer verallgemeinernden Abwertung von Muslimen. Die Fokussierung auf eine religiöse Minderheit und infame Unterstellung einer „Islamisierung des Abendlandes“ widerspricht nicht nur den Tatsachen, sondern auch den zivilisatorischen Fortschritten der letzten Jahre. Gerade in Deutschland sollten wir sensibel sein, wenn eine religiöse Minderheit zum Sündenbock für strukturelle Probleme gemacht wird. Wo im Vorfeld des Nationalsozialismus vor der „Verjudung“ der deutschen Gesellschaft gewarnt wurde und der Druck und die Krisen der Weltwirtschaftskrise sich gegen eine religiöse Minderheit kanalisierten, wird heute eine „Islamisierung des Abendlandes“ mit einer Propaganda herbeifantasiert, die sich gegen jede Vernunft abschottet.


Der Verweis auf den Islam als Kernproblem dient dazu, mit einem gesellschaftlich abrufbaren Feindbild die Heterogenität der Unsicherheiten zu überdecken und eine Aktionseinheit herzustellen. Die Angst vor einer „Überfremdung“ der Gesellschaft formuliert ein vermeintlich auf der nationalen Ebene lösbares Problem (weniger Fremde reinlassen), während internationale Konflikte wie die Euro-Krise, die auseinanderdriftende Schere zwischen reich und arm oder die IS-Gräueltaten als unlösbar erscheinen. Die falsche Problemdiagnose lenkt von der Suche nach Lösungen für die realen Probleme ab, die in Angst vor Altersarmut, sozialem Abstieg oder der Bewältigung der Herausforderungen durch Zuwanderung liegen können. Auch der Anpassungsdruck an ein als Einwanderungsland definiertes Deutschland und ein jahrelang ignoriertes und nicht bearbeitetes rassistisches Reservoir an Stereotypen zählen dazu.


Das von einigen Politikern formulierte Credo, man müsse die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen, führt in die Irre, wenn man sich an den tatsächlich artikulierten und verbalisierten Ängsten orientiert. Diesen liegt vor allem ein großes Wissensdefizit zugrunde, was Aussagen wie die Angst vor einer Unterwanderung durch den Islam nahe legen oder die Vorstellung, dieser könne Staatsreligion in Deutschland werden.

Von:

Dr. Naika Foroutan
Prof. Dr. Werner Schiffauer (Vorsitzender des RfM)
Prof. Dr. Andreas Zick

Meldung vom 07.01.2015