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Der pädagogische (Krisen-) Diskurs über die Großstadt, 1890-1930


Projektstart: 01.10.2006
Projektende: 30.06.2010
Projektträger: DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft)
Projektverantwortung vor Ort: Prof. Dr. Eva Matthes PD Dr. Carsten Heinze
Beteiligte Wissenschaftler der Universität Augsburg: Silke Antoni M.A.

Zusammenfassung

In dem Projekt wird zunächst der kulturkritische Großstadtdiskurs aufgearbeitet, der sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer allgemeinen Großstadtkritik verdichtete und dessen Schwerpunkt oft in einer grobschlächtig vereinfachten und ideologisch verzerrten Polarisierung des Stadt-Land Verhältnisses lag. Die Großstadt wurde bei gleichzeitiger Romantisierung des Landlebens diskursiv als Krisenphänomen der Moderne stilisiert. Es wird dabei zu fragen sein, ob pädagogische Großstadtkritik immer als – rückgewandte – Kritik an modernen Lebensformen zu verstehen ist und ob nicht auch rationale, sozialkritische Argumentationsmuster aufgegriffen werden.

Beschreibung

Den Hintergrund des Projektes bildet die Geschichte der Urbanisierung, die bereits umfassend aufgearbeitet ist. Für die Untersuchung kann damit auf bedeutsame Studien, zum Beispiel zur Verjüngung der Großstadtbevölkerung und zur Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen in der Großstadt zurückgegriffen werden.

In den vielfältigen Studien zur Großstadtkritik findet die pädagogische Auseinandersetzung mit der Großstadt kaum Beachtung. Dies erstaunt um so mehr, als sich viele Pädagogen angesichts der als krisenhaft erfahrenen Auswirkungen der Säkularisierungs- Pluralisierungs- und Individualisierungsprozesse innerhalb der Großstadtkultur zum Anwalt der durch diese Prozesse sittlich und gesundheitlich gefährdet erscheinenden Kinder und Jugendlichen aufschwangen.

Zwei zentrale Argumentationsstränge, zum einen zur Gefährdung der Kinder und Jugendlichen in gesundheitlicher und moralischer Sicht, zum anderen zur Konstruktion des idealen pädagogischen Raumes stellen den Ausgangspunkt der Untersuchung dar.

Der pädagogische Diskurs über die Großstadt kann nicht losgelöst von seiner Einbettung in zeitgenössische Wahrnehmungsmuster und Denktraditionen betrachtet werden. Es erfolgt deshalb eine Kontextualisierung auf historisch-soziokultureller, ideengeschichtlicher und institutioneller Ebene.

Weitere Bezugspunkte des Projektes sind die dem pädagogischen (Krisen-)Diskurs über die Großstadt zugrunde liegenden Konstrukte, Bilder und Konzepte von Kindheit, Jugend und Familie im Untersuchungszeitraum.

In einem zweiten Schritt sollen die Ergebnisse zur Rekonstruktion des pädagogischen (Krisen-)Diskurses über die Großstadt mit der Behandlung der Thematik in Fibeln verglichen werden. Das Schulbuch kann in diesem Zusammenhang als wichtiges Indiz für die Rekonstruktion der `Grammar of Schooling´in den drei Dimensionen „Verschulung“, „Pädagogisierung“ und „Wissenserwerb“ angesehen werden.

Im Zentrum der Untersuchung sollen die Ursachen und Motive für die Entstehung bzw. die Aufrechterhaltung des Diskurses, die Mechanismen der Reproduktion des Diskurses, die verwendeten Topoi und Argumentationsmuster, die Veränderung des Diskurses, die Wirkungsabsichten der am Diskurs Beteiligten und die Wirkungen und Funktionen des Diskurses selbst stehen. Daneben werden die Verschränkung mit anderen Diskurssträngen (z. B. dem historischen und theologischen Diskurs) sowie die Reaktion auf Gegendiskurse Berücksichtigung finden.

Insgesamt soll sich das Projekt in die seit einiger Zeit in der Erziehungswissenschaft verstärkt diskutierte Frage nach dem Verhältnis der Reformpädagogik zur Moderne einreihen. Unter einer gesellschaftspolitischen Perspektive verspricht die Rekonstruktion des pädagogischen (Krisen-)Diskurses über die Großstadt Rückschlüsse auf die derzeitig immer noch aktuelle Problematik Kinder und Jugendliche in der Großstadt.

Die Bearbeitung des Themas erfolgt durch ein diskursanalytisches Verfahren anhand einschlägigen Materials (aus Monographien, Sammelbänden, Zeitschriften und Fibeln) zum pädagogischen (Krisen-)Diskurs über die Großstadt.

Die ermittelten Texte werden durch eine qualitative und quantitative Inhaltsanalyse erschlossen.