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2.21 Philosophie/Ethik als Studien- und Unterrichtsfach


BESt
Bayerisches Ethikstudium
Internet Forum

Projekt des Lehrstuhls für Philosophie/SP Ethik
Prof. Dr. Christian Schröer - 86135 Augsburg

bayerisches-ethikstudium@phil.uni-augsburg.de

 

2 Grundlagen
2.2 Studium des Erweiterungsfachs Philosophie/Ethik für das Lehramt an Gymnasien

2.21 Ziele und Inhalte des Studienfachs Philosophie/Ethik


Das Erweiterungsfach
Philosophie/Ethik als Doppelqualifikation

Das Erweiterungsfach Philosophie/Ethik für das Lehramt an Gymnasien ist als Doppelfach konzipiert. Das Staatsexamen qualifiziert Lehrkräfte sowohl für den Philosophie- als auch für den Ethikunterricht. In Bayern wird das Fach Philosophie neben dem Ethikunterricht angeboten, allerdings nur je nach Angebot der Schule als mögliches Zusatzfach im Profilbereich der elften und zwölften Jahrgangsstufe. Anders als in anderen Bundesländern gibt es für dieses Schulfach in Bayern weder ein eigenes Fachprofil noch einen Lehrplan.


P h i l o s o p h i e als Schul- und Studienfach für das Lehramt an Gymnasien

Die Philosophie gehörte seit der klassischen Antike zum festen Bestandteil der höheren Bildung und galt bis in die beginnende Neuzeit hinein als Königin der Wissenschaften. Diesen Ruf büßte sie jedoch mit der Erfolgsgeschichte der modernen Einzelwissenschaften zunehmend ein. Während das Fach Philosophie in vielen europäischen Ländern heute zum Kanon der üblichen Schulfächer gehört, konnte es sich „im Land der Dichter und Denker“ nie nachhaltig behaupten. Zu sehr verstand man den öffentlichen Auftrag allgemeinbildender Schulen als Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler an den Fortschritt der Einzelwissenschaften heranzuführen. Nachdem aber die stets weiter wachsenden Wissensbestände längst unüberschaubar geworden sind, wird der Ruf nach grundlegender Orientierung wieder lauter. Man verlangt Kompetenz statt nur Wissen, Sinn statt nur Fakten und Werte statt nur Vorteile. So erscheint ein fachübergreifendes Verständnis der modernen Welt, des Menschen und des menschlichen Handelns dringlicher und damit die Philosophie aktueller als je zuvor.

Philosophie steht seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert für eine besondere Art des Denkens, das sich allein der Überzeugungskraft des besseren Arguments verpflichtet weiß. Aus „Freundschaft zur Weisheit“ (philo-sophia) werden herkömmliche Aussagen über die Natur (physis), über die Formen des Handelns (ethos) und über die menschliche Rede selbst (logos) einer kritischen Prüfung unterzogen. Unter den Titeln Physik, Ethik und Logik werden die wesentlichen Fragestellungen, Begrifflichkeiten und Methoden entwickelt, die bis heute die philosophische Diskussion prägen.

Die Philosophie unterscheidet sich von allen anderen Wissenschaften, die aus ihr hervorgegangen sind, nicht durch einen speziellen Gegenstandsbereich, sondern durch den allgemeinen Charakter ihrer Fragestellungen. Sie sammelt nicht Kenntnisse von Einzelnem, sondern richtet ihre Aufmerksamkeit auf grundlegende Zusammenhänge, auf tragende Prinzipien und auf Fragen von genereller Bedeutung. Anders als in anderen Fächern bleiben auch die klassischen Beiträge stets in die aktuellen Fachdebatten mit einbezogen: Wer Physik oder Biologie lernen will, liest nicht Newton oder Darwin. In den Literaturwissenschaften liest man zwar Shakespeare und Thomas Mann, aber nicht, um mit ihnen über aktuelle Sachfragen zu diskutieren. Wer aber Platon und Kant liest, sucht mit ihnen nach Einsichten, an denen das eigene fachliche Verständnis der Dinge Klärung, Vertiefung und Reifung erfährt.

Der Philosophieunterricht führt junge Menschen an die Eigenart der Philosophie und an die Vielfalt ihrer Themen heran. Man erprobt nichtalltägliche Sichtweisen, übt ungewohnte Begrifflichkeiten ein und lässt sich auf schwierige Fragestellungen ein. Man entdeckt eine im Medienzeitalter so unauffällig gewordene Gattung von Texten, in denen in einem einzigen unscheinbaren Satz alles gesagt ist, was der Autor als Frucht oft langjähriger Auseinandersetzungen dem Leser mitzuteilen hat. Bloße Kenntnisse von Thesen, Texten und Terminologien sind jedoch noch keine Philosophie. Sie können aber zu Wegen werden, die an die Philosophie heranführen. Denn erst wo man sich selbst zu trauen beginnt, gewohnte Denkwege zu verlassen, eigene Gedanken zu formulieren und sich dabei allein von der sanften Nötigung einleuchtender Gründe leiten zu lassen, wird man auch bereit sein, sich ernsthaft auf die Denkwege anderer Menschen einzulassen, ihren Formulierungsversuchen entgegenzugehen und ihre Gründe vorbehaltlos zu würdigen. Dass ein solches sapere aude, oder wie es Kant übersetzte: ein solches Wagnis, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, keine Selbstverständlichkeit ist, sondern mühsam erlernt und eingeübt werden muss, hat bereits Platon in seinen sokratischen Dialogen eindrücklich vor Augen geführt.

Damit aber scheint die Philosophie nicht so recht zum gewohnten Bild eines Schulfachs zu passen, in dem Lernstoff vorgetragen, aufgenommen und reproduziert wird. Philosophische Texte lassen sich nicht einfach lernen oder in Referaten zusammenfassen. Sie lassen sich nur dadurch erschließen, dass man den dargelegten Gedanken in seinem eigenen Denken selbst zu denken versucht. Sie nehmen dem Leser das Denken nicht ab, sondern fordern es heraus. Sie konfrontieren ihn mit den Voraussetzungen des eigenen Daseins, Behauptens und Wertens, aber auch mit den Grundlagen der modernen Wissenschaften, der gesellschaftlichen Gegenwart und der konkreten Verantwortung in einer sich stets verändernden Welt. Tragende Begriffe wie Wahrheit, Freiheit oder Menschenwürde lassen sich nicht dadurch vermitteln, dass man sie vorträgt und abfragt; sie geben vielmehr den verbindlichen Anspruch, der ihnen innewohnt, erst dort zu verstehen, wo sie sich im eigenen Denken als vernünftig ausweisen.

Um junge Menschen an ein ungewohntes Denken heranzuführen, bedarf es auch einer ungewohnten Didaktik. Ein redliches Ringen um Wahrheit, das sich allein den inneren Voten der Vernunft verpflichtet weiß, lässt sich weder erzwingen noch abfragen. Einladungen zur Nachdenklichkeit bedürfen eines geschützten Raumes, in dem tastende Denkversuche, gedankliches Scheitern und immer wieder neues Ansetzen stets wichtiger sind als das Hersagenkönnen von Lehrsätzen und Richtigkeiten. Auch noch so gängige Interpretationen lassen sich nicht als kanonische Lernziele festzurren. Sicher geglaubte Wege führen an Vielem vorbei. Niemand hat die Wahrheit ganz, wie schon Aristoteles warnt, aber niemand verfehlt sie auch ganz, wie er zugleich ermuntert. Didaktische Vereinfachungen sind daher nur soweit statthaft, wie sie an die Komplexität einer Fragestellung heranführen, ohne ihr aber die Tiefe zu nehmen, die bei allem redlichen Bemühen immer unausgeschöpft bleibt.

Das Herz der Philosophie wird erst dort zu schlagen beginnen, wo man das Wagnis des eigenen Denkens wichtiger Lebensfragen unter dem universalen Anspruch der Wahrheit immer wieder neu auf sich nimmt. Wer in diesem Sinne selbst zu philosophieren gelernt hat und wer selbst gerne philosophiert, wird auch Jugendliche an die große Tradition der abendländischen Philosophie, an aktuelle philosophische Diskussionen und an das eigene philosophische Denken heranführen können. Das Studium der Philosophie will daher künftige Lehrerinnen und Lehrer dazu befähigen, sich selbständig mit philosophischen Themen und Texten auseinanderzusetzen, Formen des gründlichen Denkens und der gedanklichen Klarheit einzuüben und eigene wohlüberlegte Positionen in mündlicher und schriftlicher Form überzeugend zu vertreten.

Das vormals eigenständige Studium der Philosophie als Erweiterungsfach für das Lehramt an Gymnasien wurde mit der LPO I von 2002 in das neue Erweiterungsfachs Philosophie/Ethik integriert. Es bestand zuvor aus einem vertieften Studium der Philosophie und umfasste die drei Schwerpunkte Geschichte der Philosophie (Überblick mit einem Schwerpunkt), Philosophische Grundlagen eines Faches der Fächerverbindung und Systematische Philosophie (vier Disziplinen). Im Studienprofil des neuen Erweiterungsfachs Philosophie/Ethik werden die Teilbereiche Geschichte der Philosophie (Kenntnisse) und Philosophische Grundlagen (Kenntnisse in vier bzw. drei Disziplinen der theoretischen Philosophie) durch den nun eigenen Bereich der Philosophischen Ethik sowie durch die drei neuen Teilgebiete Angewandte Ethik, Religion und Fachdidaktik ergänzt.


E t h i k als Schul- und Studienfach

In einer pluralistischen Lebenswelt mit divergierenden Überzeugungen, Traditionen und Religionen gewinnt das Schulfach Ethik zunehmend an Bedeutung. Schon der generelle Bildungsauftrag der Schulen ist wesentlich darauf angelegt, Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zu eigenständigen Persönlichkeiten, zu selbstverantwortlichem Handeln und zur kritischen Urteilsbildung zu begleiten (BayEUG §1-2). Der Ethikunterricht verfolgt diese Ziele insbesondere dadurch, dass er Schülerinnen und Schüler an die Grundwerte menschlichen Handelns, an wichtige religiöse Traditionen und an die großen ethischen Probleme der Gegenwart heranführt.

Das Schulfach Ethik wurde bereits 1946 in der Bayerische Verfassung (Art. 137 Abs. 2) für alle Schülerinnen und Schüler vorgesehen, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Aufgrund der zunächst geringen Schülerzahlen erfolgte die Einführung des Fachs jedoch erst im Jahr 1972. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die am gymnasialen Ethikunterricht teilnehmen, stieg in Bayern bis zum Jahr 2008 auf zwölf Prozent eines Jahrgangs an und nimmt seither weiter zu.

Der aktuelle Lehrplan führt schrittweise in die Grundfragen menschlichen Handelns ein. Die Aufmerksamkeit richtet sich zunächst auf Grundmerkmale menschlichen Handelns, auf sozialer Handlungsformen und auf wichtige Formen der Handlungsbewertung, sodann auf Konflikt-, Sinn- und Verantwortungsfragen und schließlich auf ein kritisches Verständnis gesellschaftlicher Institutionen, auf Gerechtigkeitskonzeptionen und auf Fragen der individuellen Lebensgestaltung. Behandelt werden außerdem Grundzüge der christlichen, jüdischen und islamischen Religion, der religiösen Traditionen des Hinduismus und Buddhismus sowie der modernen Religionskritik, aber auch Fragen der Umweltethik, der Wirtschaftsethik und der medizinischen Ethik.

Das Studium des Erweiterungsfachs Philosophie/Ethik will künftige Ethiklehrerinnen und Ethiklehrer dazu befähigen, Jugendliche an die Grundlagen der persönlichen und gesellschaftlichen Lebensorientierung heranzuführen. Dazu gehört in den höheren Jahrgangsstufen auch die direkte Auseinandersetzung mit zentralen Quellen der philosophischen Ethik, der religiösen Traditionen und der aktuellen ethischen Diskussionen. Im Studium setzt man sich daher mit klassischen Texten und Grundbegriffen der philosophischen Ethik auseinander, man beschäftigt sich mit religiös geprägten Zugängen zu Fragen der Lebensführung und befasst sich mit zentralen Konfliktfeldern der angewandten Ethik. In der Fachdidaktik stehen zudem grundlegende Fragen der sittlichen Erziehung und die konkrete Arbeit im Ethikunterricht im Vordergrund.

Das Studium ist fachübergreifend angelegt. Primäre Bezugswissenschaft ist die Philosophie und die philosophische Ethik. Bezugsdisziplinen für den Themenbereich Religion sind Religionsphilosophie und die Religionswissenschaften. Die Diskussionen um ethische Probleme in den Bereichen der Umwelt-, Medien-, Wirtschafts- und medizinischen Ethik erfordern darüber hinaus sachgerechte Zugänge zu einzelnen Human- und Sozialwissenschaften. Die Fachdidaktik orientiert sich primär an pädagogischen, psychologischen und sozialwissenschaftlichen Diskursen.

Ein Staatexamen für das Schulfach Ethik wurde in Bayern erst mit der Lehramtsprüfungsordnung I (LPO I) vom 1. August 2002 eingeführt. Die meisten Lehrkräfte unterrichten das Fach Ethik daher gegenwärtig ohne einen entsprechenden Studienabschluss. An die Stelle der fehlenden Ausbildung treten bislang autodidaktischen Anstrengungen, kollegialer Austausch und einzelne berufliche Fortbildungen. Um diesen Defiziten zu begegnen, bietet die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen seit vielen Jahren Fachlehrgänge an, die mit einem Zertifikat abgeschlossen werden können. Das Dillinger Zertifikat ersetzt allerdings nicht die Staatsprüfung für das Fach Ethik, wird jedoch als Qualifizierung für den Unterricht in der Oberstufe anerkannt und stellt eine von mehreren Voraussetzungen für die Übernahme einer Ethik-Fachbetreuung dar.

Das Fach Ethik kann nach der LPO I von 2002 wie auch nach der neuen LPO I von 2008 nur in Form des kombinierten Erweiterungsfachs Philosophie/Ethik studiert werden. Wird es als freiwilliges Drittfach gewählt, verlängert sich die Regelstudienzeit um zwei Semester. Für bereits unterrichtende Lehrkräfte besteht die Möglichkeit, das Erste Staatsexamen für das Fach Philosophie/Ethik im Rahmen einer nachträglichen Erweiterung des Lehramtsstudiums abzulegen. Die Erweiterung kann in einem weiteren Hochschulstudium, aber auch in der Form eines weiterbildenden Kontakt- oder Fernstudiums erfolgen (Art. 23 BayLBG).

Wer das Studium ab dem Wintersemester 2008/09 begonnen hat, kann das Erste Staatsexamen im Erweiterungsfach Ethik auf Antrag noch bis zum Prüfungstermin im Herbst 2016 nach der früheren LPO I von 2002 ablegen (lt. Übergangsregelung der LPO I 2008, § 123, Abs. 2 Satz 3 Halbsatz 2). Die neue Regelung der LPO I von 2008 gilt für alle, die eine Erweiterungsprüfung ab dem Prüfungstermin Herbst 2009 ablegen und keinen Antrag auf Prüfung nach der früheren LPO I gestellt haben (lt. Übergangsregelung der LPO I 2008, § 123, Abs. 1 Satz 3 Halbsatz 2).