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Fachprofil


Fachdidaktische Bezeichnungen haben über ihre symbolische Bedeutung hinaus die Funktion, den profilbildenden Anspruch eines Faches und seines wissenschaftlichen Selbstverständnisses darzustellen. Dies ist im Falle der Politischen Bildung bzw. Politikdidaktik nicht anders, vereint sie doch u.a. Inhalte der Politikwissenschaft, der Soziologie, der Ökonomie, der Erziehungswissenschaft sowie die anderer Bezugsdisziplinen. Ein vorwiegend pädagogischer Zugriff auf die Politische Bildung, wie er z.B. durch den Begriff der „Didaktik der Sozialkunde“ ausgedrückt wird, beschreibt dagegen eher unzureichend und missverständlich die Aufgaben, die das Fach hinsichtlich der in den Prüfungsordnungen und Lehrplänen verankerten politischen und sozialwissenschaftlichen Sachverhalte durchdringen muss. Zu diesen gehört in erster Linie die Domäne der Politikwissenschaft, die sowohl in normativer wie auch in empirischer Hinsicht ihr fachdisziplinäres Fundament darstellt. Das Politische lässt sich somit nicht im Sinne einer Kunde vermitteln, sondern muss als „Politische Bildung“ bzw. als „Politikdidaktik“ dem Anspruch einer wissenschaftlichen Disziplin entsprechen. Demgegenüber verkürzt der Begriff „Didaktik der Sozialkunde“ das Fach v.a. auf soziales, moralisches sowie ethisches Lernen und kann bei Studierenden sogar zu falschen Fachkonzepten und Fehldeutungen in Bezug auf politische und gesellschaftliche Zusammenhänge führen. Die ehemals so genannte "Professur für Didaktik der Sozialkunde" an der Universität Augsburg hat daher mit Zustimmung des Fakultätsrates der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät sowie der Universitätsleitung ihre fachdidaktische Denomination in die Bezeichnung „Professur für Politische Bildung und Politikdidaktik“ geändert. Diese Umbenennung wurde auch von den bayerischen FachkollegInnen unterstützt.

In den meisten Bundesländern sind unterschiedliche Fachbezeichnungen üblich, die sich nahezu ohne Ausnahme stärker an der Begrifflichkeit des Politischen und dem Terminus der Sozialwissenschaften orientieren. Auch die Bezeichnungen des Schulfaches variieren erheblich, was letztlich auf eine Unentschiedenheit der Kultusministerkonferenz im Jahr 1950 zurückzuführen ist, wobei das Spektrum der Bezeichnungen von Gemeinschaftskunde, Bürgerkunde, Gegenwartskunde bis hin zu Politik reichte.

Da der Horizont einer Wissenschaft breiter zu fassen ist als das thematisch enger fokussierende Schulfach, steht es außer Frage, dass sich die Lehrerbildung an normativ-empirisch ausgerichteten Domänen orientieren muss. Wollte man die Denominationen fachdidaktischer Disziplinen an die z.T. überholten Bezeichnungen des Schulfaches im Sinne einer „Kunde“ koppeln, so hieße das in der Konsequenz, die wissenschaftliche Lehrerbildung auf das Niveau von Lehrerausbildungsseminaren herabzustufen. Umgekehrt wäre zu fordern, dass sich die Bezeichnungen der Schulfächer stärker an die Entwicklung der Fachdisziplin anzupassen hätten. So hat die Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) in ihrem Entwurf zu den Anforderungen an nationale Bildungsstandards dafür plädiert, das Unterrichtsfach in den Sekundarstufen bundeseinheitlich als „Politische Bildung“ zu bezeichnen. Dies verdeutlicht, dass die Schule einen fachlichen Beitrag zur Demokratiefähigkeit und zur Entwicklung politischer Mündigkeit leisten muss. Demgegenüber sind mit dem anachronistisch anmutenden Begriff der „Didaktik der Sozialkunde“ Konnotationen im Sinne eines weitgehend gesicherten sowie nicht weiter hinterfragbaren Schulwissens verbunden, die hinter dem jeweiligen Stand des politikdidaktischen Diskurses zurückbleiben müssen und daher der Zielperspektive der politischen Mündigkeit nur schwer Rechnung tragen können. Darüber hinaus kann die tendenzielle Eingrenzung auf den sozialen Nahraum sowie auf das Schulleben leicht falsche Zielvorstellungen politischer Bildung im Sinne sozialpädagogischer Lebenshilfe und verkürzte Vorstellungen über die politische Bildung bzw. den Politikunterricht nach dem demokratiepädagogischen Modell erzeugen.

Als synoptische Wissenschaft leistet die Politikdidaktik eine Zusammenschau von politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen, etc. Wirklichkeitsphänomenen und Sachzusammenhängen im Hinblick auf Politik als Formalobjekt. Inhaltlich ist der Politikbegriff jedoch äußerst facettenreich und nur auf abstraktem Niveau definierbar. So lässt sich Politik beispielsweise als öffentlicher Konflikt von Interessen unter den Bedingungen von Macht und Konsensbedarf verstehen sowie mit Hilfe zentraler Kategorien des Politischen in den Dimensionen der Form (polity), des Inhalts (policy) und des Prozesses (politics) analysieren, wobei vor allem das komplexe Modell des Politikzyklus dazu geeignet ist, Politik im Zeitverlauf nachvollziehbar zu beschreiben.

Dabei kennzeichnet Politik im engeren Sinne die Herbeiführung gesamtgesellschaftlich verbindlicher Entscheidungen und Regelungen. Der Kernbereich von Politik umfasst in diesem Verständnis alle sozialen Interaktionen und Institutionen, die an dem Willensbildungs- und Entscheidungsprozess beteiligt sind, der zu allgemein verbindlichen Normen führt oder führen soll: vom Wählerverhalten über Bürgerinitiativen, Gruppen- und Parteiinteressen, Parlamenten und Regierungen bis hin zu internationalen Organisationen. In einem weiteren Sinne wird alles soziale Handeln immer dann politisch, wenn das Miteinander der Menschen als solches zum Problem wird, dessen Lösung spezifische Anstrengungen erfordert sowie verbindlicher Regelungen bedarf. So sind die gesellschaftlichen Wurzeln von Politik weit verzweigt. Alles, was im Rahmen von Sozialgebilden sozialen Zwecken dient (zum Beispiel Beziehungs-, Interaktions- und Kommunikationsstrukturen in Familie und Schule, Freundeskreis, Verein, Kirche etc.), kann politisch relevant werden und hat somit Bedeutung auch für die politische Kultur. Dies gilt umso mehr, je offener ein politisches System für die Einflüsse aus der Gesellschaft und für die Partizipation ihrer Bürgerinnen und Bürger ist.

Als praktische Wissenschaft versteht sich die Politikdidaktik als Wissenschaft vom politischen, gesellschaftlich-sozialen, moralisch-ethischen und globalen Lernen. Dabei wendet sie wissenschaftliche Methoden an, u.a. mit dem Ziel, Kriterien bereitzustellen, die über alltagstheoretische Begründungen für Lehrtätigkeiten aufklären und diese durch wissenschaftlich reflektierte Kriterien ersetzen. Letztere betreffen insbesondere die Festlegung und Begründung von Zielen der politischen Bildung, die Auswahl, Legitimation und Strukturierung von Lerngegenständen, die methodisch-mediale Strukturierung von Lernprozessen sowie die angemessene Berücksichtigung der Ausgangsbedingungen von Lernenden bei der Planung von Lernsituationen und Lernumgebungen. Die Vermittlung der genannten Kompetenzen ist unerlässlich für die Professionalisierung der Lehrtätigkeiten im Bereich der Fachdidaktik. Diese entfaltet und reflektiert demnach die Planungsentscheidungen, die Lehrende immer wieder treffen müssen.

Darüber hinaus ist die Politikdidaktik vor allem auf Grundlagenforschung im Sinne allgemeiner und politischer Sozialisationsforschung, zum Beispiel als empirische Fachunterrichtsforschung, angewiesen. Dabei werden Strukturen und Prozesse der Entwicklung und Ausbildung von politisch-gesellschaftlichen Orientierungen und Verhaltensweisen untersucht, die sich u.a. auf Sozialisationsprozesse bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie die darin liegenden Möglichkeiten und Grenzen politischer Bildungsarbeit sowohl in der Institution Schule als auch in außerschulischen Bereichen beziehen können.

Schließlich steht die Politikdidaktik auch für das, was von so allgemeiner Bedeutung für das Leben im Sinne des Überlebens sowie eines menschenwürdigen Zusammenlebens ist, dass man es erlernen muss. Dabei geht es im Grunde genommen um eine Bildung für nachhaltige Entwicklung, die epochaltypische Schlüsselprobleme bzw. Herausforderungen von gesamtgesellschaftlicher oder auch weltumspannender Bedeutung in den Blick nimmt (Umweltkrise und globale Gefährdungen, Demokratieentwicklung und gesellschaftliche Ungleichheit, Friedensfrage und Menschenrechte, Nord-Süd-Konflikt und gerechte Weltwirtschaftsordnung, Risiken der technologischen Entwicklung, Phänomene der Globalisierung etc.).