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Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung


Forschungsbereich B: Wissenssoziologie internationaler Politik

Entstehung der Friedensforschung in Deutschland

Die Entstehung, Geschichte und Entwicklung der Friedens- und Konfliktforschung in der Bundesrepublik Deutschland ist in jüngster Zeit vielfach selbst Thema der Friedens- und Konfliktforschung. Diese Thematisierungen lassen sich als Selbstverständigungsdebatten vor dem Hintergrund einer wachsenden Professionalisierung dieses Forschungsfeldes interpretieren. In diesem Kontext haben die historischen Bezüge vor allem Funktionen für aktuelle Ausrichtungen und Abgenzungen zu erfüllen. Solche Beobachtungen werfen u. a. die Frage auf, ob sich die Friedens- und Konfliktforschung aktuell (seit ca. 5 - 10 Jahren) in einem ähnlichen Transformationsprozess befindet, wie er für die Entstehungsphase Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre identifiziert wurde.

Um die wissenschaftshistorische Beschreibung und Rekonstruktion der Entstehung und Entwicklung der Friedens- und Konfliktforschung in der Bundesrepublik Deutschland nicht den Selbstverständigungsdebatten der Forscherinnen und Forscher selbst zu überlassen, sollen mit der von der Deutschen Stiftung Friedensforschung finanzierten Pilotstudie Ansatzpunkte und Voraussetzungen einer systematischen wissenschaftssoziologischen und wissenschaftshistorischen Analyse der Entstehung und Entwicklung der Friedens- und Konfliktforschung erarbeitet werden. Dieses Projekt wird gemeinsam durchgeführt von Lisa Bogerts, PD Dr. phil. Dipl.-Ing. Stefan Böschen, Prof. Dr. Philipp Gassert und Prof. Dr. Christoph Weller.

Die Friedens- und Konfliktforschung in der Bundesrepublik Deutschland speist sich in ihrer Entstehungsphase aus verschiedenen wissenschaftlichen Quellen und war zugleich unterschiedlichen politischen Orientierungen im Kontext des Ost-West-Konflikts unterworfen. Diese Bedingungen kennzeichnen sie - aus einer wissenschaftssoziologischen Perspektive - als einen besonders aufschlussreichen Fall für die Formierung von heterogenen wie politisierten Forschungs- und Wissensfeldern. Wie viel Einheit kann in der Vielfalt der Perspektiven hergestellt und ermöglicht werden? Wie verschränkten sich wissenskulturelle, institutionelle und politische Einflussfaktoren bei der Formierung der Friedens- und Konfliktforschung als problemorientierter Forschung?  

Im Rahmen der Pilotstudie soll vor allem die Formierung der Friedens- und Konfliktforschung bis zum Abschluss der ersten Institutionalisierungsphase Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre in den Blick genommen werden. Es stellt sich die Frage, wie sich die Friedens- und Konfliktforschung als Forschungs- und Wissensfeld entwickelt und welche wissenschaftliche und disziplinäre Ausrichtung sie dabei genommen hat. Dabei interessieren nicht allein die internen Entwicklungsdynamiken, sondern ebenso die Veränderungen und Wandlungsprozesse der Friedens- und Konfliktforschung im Zuge exogener politischer, kultureller, institutioneller, internationaler, ökonomischer und wissenschaftlicher Einflüsse und gewandelter Rahmenbedingungen.

Dazu wird im Rahmen einer Pilotstudie a) eine Kartierung der frühen Akteursnetzwerke innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung und ihrer zentralen Fragen als „Themenlandkarte“ vorgenommen sowie b) die empirische Basis in Form einer Identifizierung von möglichen Quellenbeständen in Archiven und durch Interviews mit Gründergestalten der Friedens- und Konfliktforschung gesichert und c) ein konzeptionelles Design für ein darüber hinausgehendes Projekt entwickelt. Damit lässt sich sowohl eine wissenschaftliche Grundlage für die historische Erforschung der Geschichte der Friedens- und Konfliktforschung in der Bundesrepublik Deutschland schaffen als auch ein erster wissenschaftssoziologischer Beitrag zu den aktuellen Selbstverständigungsdebatten über die weitere Entwicklung der Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland leisten.

 

Literatur:

Weller Christoph: Der "Frieden" und der "Krieg" der Friedensforschung. Beobachtungen des konzeptionellen Wandels einer politischen Wissenschaft bei der Bearbeitung von Krieg und Frieden. Beitrag zur Tagung "Krieg & Frieden - Kulturelle Deutungsmuster" am 01./02. April 2014 in Göttingen

Weller, Christoph: Beobachtungen wissenschaftlicher Selbstkontrolle. Qualität, Schwächen und die Zukunft des Peer-Review-Verfahrens, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 11 (2004): 2, 365-394.

Weller, Christoph: Die Welt, der Diskurs und Global Governance. Zur Konstruktion eines hegemonialen Diskurses - eine Replik auf Ulrich Brand, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 10 (2003): 2, 365-382.


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