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SOKKE

Sozialisation und Akkulturation von Grundschulkindern mit Migrationshintergrund

Die zentrale Zielstellung des Forschungsprojektes SOKKE, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in mehreren Forschungsphasen gefördert, wurde als Längsschnittstudie in Grundschulen von 2003 bis 2010 an der Universität Augsburg durchgeführt. Die einjährige Vorstudie und die erste Phase des Projektes wurden von Prof. Dr. Leonie Herwartz-Emden an der Universität Augsburg geplant und durchgeführt. In der folgenden, die Schuljahre 3 und 4 umfassenden Phase wurde die Studie gemeinsam mit Prof. Dr. Aiso Heinze (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), Abteilung Didaktik der Mathematik) und Prof. Dr. Kristina Reiss (TUM School of Education, Heinz Nixdorf-Stiftungslehrstuhl für Didaktik der Mathematik) weitergeführt und in Bezug auf die Leistungsentwicklung im Fach Mathematik vertieft.

Ziel des Projekts ist die differenzierte, längsschnittliche Beschreibung, Analyse und Interpretation von Akkulturations- und Sozialisationsverläufen von Kindern mit Migrationshintergrund unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungsräume Schule und Familie. Übergeordnetes Ziel war es, einen Beitrag zur Aufklärung von Disparitäten in der Bildungsbeteiligung von zugewanderten Kindern und Jugendlichen zu leisten. Neben der Eruierung institutioneller Bedingungen werden die Ausgangsbedingungen der Kinder und Jugendlichen beschrieben sowie Entwicklungsprozesse in den ersten Schuljahren in den Blick genommen. Zusätzlich zum sozialen und kulturellen Kapital der Familie werden somit auch entwicklungspsychologische Aspekte berücksichtigt, um unterschiedliche Entwicklungsverläufe und Akkulturationsverläufe unter Kontrolle der kognitiven Ausgangsbedingungen zu erklären. Darin liegt auch die Besonderheit des Projekts: die Verbindung von je individuell unterschiedlichen, differenziert erhobenen Ausgangsbedingungen zu Beginn der Schulzeit und der Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung der Kinder über die gesamte Grundschulzeit bis zum Zeitpunkt der ersten Bildungsentscheidung am Ende der vierten Jahrgangsstufe. Konkret nimmt das Projekt neben familialen und schulischen Einflüssen die individuellen Voraussetzungen der Kinder, also ihre kognitive Grundfähigkeit, ihre schulsprachlichen Fähigkeiten, aber auch Konstrukte wie Selbstkonzept und Selbstwertgefühl in den Blick, um ein möglichst umfassendes Bild über potentielle Einflussvariablen auf den Schulerfolg nachzeichnen zu können (siehe auch Herwartz-Emden, Küffner & Schneider 2004, Herwartz-Emden & Küffner 2006, Heinze, Herwartz-Emden & Reiss 2007, Herwartz-Emden, Reiss & Mehringer 2008, Herwartz-Emden et al. 2008, Herwartz-Emden & Braun 2010, Braun & Mehringer 2010).

Anhand einer 435 Schüler/ -innen umfassenden Stichprobe, die zu 57% einen Migrationshintergrund, das heißt mindestens einen aus dem Ausland stammenden Elternteil haben, wurde der mittels Lehrerurteil und standardisierter Tests bzw. Fragebögen erfasste Schulerfolg in den Fächern Mathematik und Deutsch, welcher als Akkulturationsmaß fungiert, über die vier Jahre der Grundschulzeit hinweg erhoben.

Im Rahmen der Studie konnte bspw. detailliert aufgezeigt werden, dass sich die Schülerschaft in Augsburg ganz herausragend durch die Dimension der Interkulturalität auszeichnet, was über den Einzelfall hinaus auf die Gesamtsituation im deutschen Schulsystem verweist – im Schuljahr 2003/2004 hatten von 5238 befragten Grundschüler/ -innen 50% einen Migrationshintergrund, 90% von ihnen wurden in Deutschland geboren (Herwartz-Emden & Küffner 2006). Zwei Differenzkategorien wurden hinsichtlich der Entstehung von Ungleichheiten im Schulerfolg besonders in den Blick genommen: Die Kategorie Geschlecht sowie die Kategorie Herkunft/Ethnizität, welche nicht nur für sich genommen, sondern auch in ihrer Verschränkung analysiert wurden, weil von einer Interdependenz beider Kategorien auszugehen ist (Herwartz-Emden et al. 2008). Der Ansatzpunkt von SOKKE ist bis dato einzigartig in der bundesdeutschen Forschungslandschaft, da es bislang kaum Untersuchungen gibt, die Entwicklung und Akkulturation von Migrantenkindern in der Grundschule über diesen Zeitraum begleiten. Im Rahmen des Projektes wurde im Weiteren vertieft auf die Bedeutung der Fähigkeiten in der Unterrichtssprache für die Mathematikleistungen eingegangen, welche in einem längsschnittlich angelegten Design bis dato ebenfalls kaum betrachtet wurde. Nach wie vor bleiben Schüler/ -innen mit Migrationshintergrund in den Kernkompetenzen Lesen und Mathematik deutlich hinter ihren Mitschüler/ -innen ohne Migrationshintergrund  zurück, wobei sich die Diskrepanzen in der Leseleistung von Klasse 1 zu Klasse 2 deutlich erhöhen (Herwartz-Emden et al. 2008), während sie in Mathematik über die ersten drei Jahre hinweg auf einem vergleichbaren Niveau bleiben (Heinze et al. 2011). Die Rolle der „Bildungssprache“ (Gogolin 2009) spielt beim Zustandekommen der Diskrepanzen eine maßgebliche Rolle. So zeigte sich zum einen, dass Kinder mit Migrationshintergrund, die zu Hause meist in der Sprache des Herkunftslandes kommunizierten, die schwächsten Deutschkenntnisse aufwiesen (Herwartz-Emden & Küffner 2006). In Bezug auf die Mathematikleistungen verschwanden die Differenzen bei Kontrolle der schulsprachlichen Fähigkeiten, was darauf hindeutet, dass die Ausbildung eines umfassenden Verständnisses mathematischer Begriffe und Darstellungen, aber auch mathematischer Hilfsmittel wie der des Zahlenstrahls, deutlich von sprachlichen Interaktionen im Unterricht abhängen (Heinze et al. 2011). Die gängige Vermutung, dass sich fehlende schulsprachliche Kompetenzen in diesem Fach weniger nachteilig auswirken (Einsiedler, Martschinke & Kammermeyer 2007) konnte somit eindeutig widerlegt werden.

Gesonderte Auswertungen zur Differenzkategorie Geschlecht stellten heraus, dass Leistungsunterschiede bei Mädchen und Jungen in der Grundschulzeit deutlich geringer ausgeprägt sind, als oft vermutet wird. So finden sich zu Beginn der Grundschulzeit keine geschlechtsspezifischen Differenzen in den Leseleistungen der Schüler/ -innen. Erst ab der 3. Klassenstufe lassen sich geringfügige Unterschiede zugunsten der Mädchen nachweisen, die allerdings als wenig bedeutsam einzuschätzen sind. Auch hinsichtlich der Mathematikleistungen finden sich lediglich geringfügige Leistungsdifferenzen zugunsten der Jungen, welche in der vierten Klasse an signifikantem Ausmaß verloren haben. Der Primarschulbereich des deutschen Bildungssystems bietet für Jungen und Mädchen also gleichermaßen fördernde und fordernde Lernbedingungen, geschlechtsspezifische, differentielle Entwicklungsmilieus scheinen sich erst in der Sekundarstufe des deutschen Bildungssystems herauszubilden (Herwartz-Emden & Braun 2010). In Bezug auf die Verschränkung der Differenzkategorien Geschlecht und Herkunft fand sich ein Interaktionseffekt dahingehend, dass Schülerinnen mit Migrationshintergrund von Klasse 1 zu Klasse 2 eine signifikant niedrigere Leistungsentwicklung aufzeigen und somit doppelt benachteiligt zu sein scheinen: Mädchen mit Migrationshintergrund scheint sich der Zugang zur Leistung im Fach Mathematik schwerer zu erschließen, möglicherweise wird die Strukturkategorie Ethnizität/Herkunft (bzw. Migrationshintergrund) von der Kategorie Geschlecht überlagert (Herwartz-Emden et al. 2008).

 

 

Links

 

Prof. Dr. Kristina Reiss, Professorin für Didaktik der Mathematik, TUM School of Education, Technische Universität München

Prof. Dr. Aiso Heinze, Direktor der  Abteilung Didaktik der Mathematik am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) und Professor für Didaktik der Mathematik, Christian-Albrechts-Universität Universität zu Kiel

Prof. Dr. Stefan Ufer, Professor für Didaktik der Mathematik und Informatik, Ludwig-Maximilians-Universität München

 

Publikationen im Rahmen des Forschungsprojektes SOKKE

 

Mehringer, V. (2013). Weichenstellungen in der Grundschule. Sozial-Integration von Kindern mit Migrationshintergrund. Reihe Interkulturelle Bildungsforschung, Band 22. Münster: Waxmann. Gefördert durch die DFG. 

 

Mehringer, V. & Herwartz-Emden, L. (2013). Geschlechtsbedingte Differenzen in der Kompetenzentwicklung bei Grundschulkindern mit und ohne Migrationshintergrund. In: A. Hadjar & S. Hupka-Brunner (Hrsg.), Geschlecht, Migrationshintergrund und Bildungserfolg (S. 102-132). Weinheim: Juventa.

 

Braun, Cornelia (2012): Soziale Akkulturation, Selbstkonzept und Schulerfolg bei Grundschulkindern mit und ohne Migrationshintergrund. Hamburg: Verlag Dr. Kovac.

 

Heinze, Aiso; Herwartz-Emden, Leonie; Braun, Cornelia; Reiss, Kristina (2011): Die Rolle von Kenntnissen der Unterrichtssprache beim Mathematiklernen. Ergebnisse einer quantitativen Längsschnittstudie in der Grundschule. In: Susanne Prediger, Erkan Özdil (Hrsg.): Mathematiklernen unter Bedingungen der Mehrsprachigkeit –   Stand und Perspektiven der Forschung und Entwicklung in Deutschland. Münster: Waxmann Verlag, S. 11-34.

 

Braun, Cornelia; Mehringer, Volker (2010): Familialer Hintergrund, Übertrittsempfehlungen und Schulerfolg bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund. In: Jörg Hagedorn, Verena Schurt, Corinna Steber, Wiebke Waburg (Hrsg.): "Ethnizität, Geschlecht, Familie und Schule. Heterogenität als erziehungswissenschaftliche Herausforderung". Verlag für Sozialwissenschaften, S. 55-80.

 

Heinze, A., Rudolph-Albert, F., Reiss, K., Herwartz-Emden, L., & Braun, C. (2009). The development of mathematical competence of migrant children in german primary schools.In M. Tzekaki, M. Kaldrimidou& C. Sakonidis (Eds.).Proceedings of the 33rd Conference of the International Group for the Psychology of Mathematics Education (Vol. 3, pp. 145-152).Thessaloniki, Greece: PME.

 

Herwartz-Emden, Leonie; Reiss, Kristina; Mehringer, Volker (2008): Das Projekt SOKKE – Ausgewählte Ergebnisse zur Kompetenzentwicklung von Grundschulkindern mit Migrationshintergrund. In: Erziehung und Unterricht, September/Oktober 2008, S. 789-798.

 

Herwartz-Emden, Leonie; Braun, Cornelia; Heinze, Aiso; Rudolph-Albert, Franziska; Reiss, Kristina (2008): Geschlechtsspezifische Leistungsentwicklung von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund im frühen Grundschulalter. In: Zeitschrift für Grundschulforschung, Heft 2, September 2008, S. 13-28.

 

Rudolph-Albert, F. & Heinze, A. (2008). Mathematische Kompetenzentwicklung und Sprachfähigkeit bei Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund in der Grundschule. In E. Vasarhélyi (Hrsg.), Beiträge zum Mathematikunterricht 2008 (S. 669-672). Münster: WTM-Verlag.

 

Heinze, Aiso; Herwartz-Emden, Leonie; Reiss, Kristina (2007): Mathematikkenntnisse und sprachliche Kompetenz bei Kindern mit Migrationshintergrund zu Beginn der Grundschulzeit. In: Zeitschrift für Pädagogik, Jahrgang 53, 2007, S. 562-581.

 

Herwartz-Emden, Leonie; Küffner, Dieter; Landgraf, Julia (2006): Acculturation and Educational Achievement of Immigrant Children in Elementary School. In: Leah D. Adams; Anna Kirova. (Eds): Global Migration and Education: Schools, Children and Families in Transition. Mahwah NJ: Lawrence Erlbaum Associates, S. 35-51.

 

Herwartz-Emden, Leonie; Küffner, Dieter (2006): Schulerfolg und Akkulturationsleistungen von Grundschulkindern mit Migrationshintergrund. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9. Jg., H.2, S. 240-254.

 

Publikationen in Anbindung zum Forschungsprojekt SOKKE

 

Mehringer, V. & Herwartz-Emden, L. (eingereicht). Methodische Herausforderungen und Perspektiven in der quantitativen interkulturellen Bildungsforschung. In: W. Baros& W. Kempf (Hrsg.), Erkenntnisinteressen, Methodologie und Methoden interkultureller Bildungsforschung (Migrationsforschung, Bd. 6). Berlin: Regener.

 

Herwartz-Emden, Leonie /  Braun, Cornelia (2011): Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule: ein vergleichender Blick auf die Forschungslandschaft in Österreich und Deutschland. In: Erziehung und Unterricht 2011/5+6. ÖBV, S. 614-624.

 

Herwartz-Emden, L. & Mehringer, V. (2011). Probleme und Grenzen des Empirischen in der Interkulturellen Bildungsforschung. In: I. Maria Breinbauer& G. Weiss (Hrsg.), Orte des Empirischen in der Bildungstheorie. Einsätze theoretischer Erziehungswissenschaft II. Königshausen & Neumann, S. 96-107.

 

Herwartz-Emden, Leonie; Mehringer, Volker (2011): Lebenswelt und Sozialisationsbedingungen von Kindern mit Migrationshintergrund aus der Sicht aktueller Kinderstudien. In: S. Wittmann, T. Rauschenbach., H. R. Leu (Hrsg.): Kinder in Deutschland. Eine Bilanz empirischer Studien. Weinheim und München: Juventa Verlag, S. 234-247.

 

Herwartz-Emden, Leonie; Schurt, Verena; Waburg, Wiebke (2010): Aufwachsen in heterogenen Sozialisationskontexten. Zur Bedeutung einer geschlechtergerechten interkulturellen Pädagogik. Wiesbaden: VS-Verlag.

 

Herwartz-Emden, Leonie; Braun, Cornelia (2010): Zur Bedeutung der Kategorie Geschlecht im Grundschulalter: Die Leistungsentwicklung von Mädchen und Jungen. In: L. Herwartz-Emden, V. Schurt, W. Waburg (Hrsg.): Mädchen in der Schule. Empirische Studien zu Heterogenität in monoedukativen und koedukativen Kontexten Reihe: Weibliche Adoleszenz und Schule, Band 2. Opladen &Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich, S. 231-248.

 

Herwartz-Emden, Leonie; Schurt, Verena; Waburg, Wiebke; Ruhland, Mandy (unter Mitarbeit von Michaela Wölfle und Anja Kersting) (2008): Interkulturelle und geschlechtergerechte Pädagogik für Kinder im Alter von 6 bis 16 Jahren. Expertise für die Enquetekommission "Chancen für Kinder - Rahmenbedingungen und Steuerungsmöglichkeiten für ein optimales Betreuungs- und Bildungsangebot in Nordrhein-Westfalen", http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/GB_I/I.1/EK/14_EK 2/Gutachten/ExpertiseHerwartz-Emden.pdfBuch Expertise

 

Herwartz-Emden, Leonie; Schneider, Sibylle (2006): Soziale, kulturelle und sprachliche Herkunft. In: Karl-Heinz Arnold; Uwe Sandfuchs; Jürgen Wiechmann (Hrsg.): Handbuch Unterricht. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S.588-596.

 

Herwartz-Emden, Leonie (2005): Grundschulkinder in kulturell heterogenen Schulklassen. In:  Hans-Otto Mühleisen; Theo Stammen; Michael Ungethüm (Hrsg.): Anthropologie und kulturelle Identität. Lindenberg: Beuroner Kunstverlag, S. 75-91.

 

Herwartz-Emden, Leonie (2005): Migrant/innen im deutschen Bildungssystem. In: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Bildungsreform Band 14,  Migrationshintergrund von Kindern und Jugendlichen. Wege zur Weiterentwicklung der amtlichen Statistik. Arbeitsstelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration (AKI) WZB Berlin, BMBF (Hrsg.) Bonn u. Berlin 2005, S. 7-24

 

Herwartz-Emden, Leonie; Steber, Corinna (2004): Migration, Ethnizität und Geschlecht. In: Ulrike Richter (Hrsg.): Jugendsozialarbeit im Gender Mainstream. Gute Beispiele aus der Praxis. Übergänge in Arbeit, Band 4. München: Verlag Deutsches Jugendinstitut, S. 137-151.

 

Küffner, Dieter; Wieslhuber, Claudia (2004): Sozialisation und Akkulturation in Schule und Familie: Methodische Besonderheiten des interkulturellen Interviews mit Kindern. In: Wilfried Bos; Eva-Maria Lankes; Nike Plassmeier; Knut Schwippert,  (Hrsg.): Heterogenität. Eine Herausforderung an die empirische Bildungsforschung. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann, S. 163-171.