Aktuell

Suche

Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät


Herzlich willkommen auf den Seiten
der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät

 

Hier finden Sie aktuelle Informationen
zur Fakultät, den Instituten, Studiengängen und Veranstaltungen, sowie zu den einzelnen Fächern.

 

 

Aktuell:

Die Philosphisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät trauert um Prof. Dr. Helmut Giegler, Ordinarius i. R. für Soziologie und empirische Sozialfor­schung.

Giegler_Helmut_2017

Foto von privat

Zum Tod von Helmut Giegler

Versuch eines Nachrufes

Als der Berufungsausschuss an der damaligen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen   Fakul­tät (WiSo) Helmut Giegler nach Vortrag und Diskussion die Mittelausstattung und Personalstellen des Lehrstuhls für Soziologie und empirische Sozialforschung darlegte, zeigte er sich doch recht überrascht und erwiderte (sinngemäß) wohl ziemlich spontan, dass er so viel doch gar nicht brau­che – ein echter Giegler sozusagen: bescheiden. Denn er blieb es, und das Klischee, nach einem Aufstieg nicht mehr „der Gleiche“ zu sein, konnte in ihm keine Bestätigung finden.

Jedenfalls hatte der Ausschuss mit seiner Wahl, Giegler auf Platz 1 zu setzen, eine wirklich glückli­che Hand: allein schon gemessen an der inhaltlichen Widmung der Stelle. Er war nicht nur ein kreativer Soziologe und Empiriker, sondern sein fachliches Wissen und Vermögen und auch seine Erfahrung erfasste die gesamte Breite der empirischen Sozialforschung, der quantitativen und der qualitativen sowie ihre jeweiligen Methoden und Instrumente. Er hatte bis dahin schon reiche Er­fahrungen etwa in der Medien- oder Freizeitforschung gesammelt. Ein Schwerpunkt war die com­putergestützte Datenanalyse z.B. Textanalysen.

Helmut Giegler war nach seinem Studium in Hamburg einige Jahre an der Universität Gießen, kur­ze Zeit in Bremen und vor seinem Ruf nach Augsburg an der Universität Erlangen-Nürnberg als Professor tätig.

Seine fachlich-inhaltliche Orientierung brachte eine Wiederbelebung der Reflexion „alter und neu­er“, also verschiedener Ansätze und Wege der Sozialstrukturanalyse ein und belebte so die Dis­kussion zu Konzepten sozialer Ungleichheit; zentrale Bedeutung gewann der zunächst noch ziem­lich junge Begriff „Lebensstil“. Der Ausgangspunkt war, dass sich soziale Ungleichheit nicht allein vertikal anhand von statistischen Merkmalen „messen“ lasse, die ja zudem vorübergehend sein können sowie häufig ein Aneinanderreihen von Querschnitten bilden, sondern – über soziale Dis­positionen hinaus – durchaus auch „horizontal“ abbilden lassen wie nach Präferenzen, Ge­schmack, Freizeitgestaltung, Ernährungsverhalten u.a.m. Die Verknüpfung solcher Inhalte zu For­schungsgegenständen waren nun ein besonders geeignetes Feld, das Rüstzeug empirischer Sozi­alforschung in Breite zu erlernen und anzuwenden.

Die WiSo-Fakultät - 1970 als Reformmodell gegründet – integrierte Ökonomie mit den Sozialwis­senschaften  (Abschluss Dipl.oec.) mit den Ausrichtungen Betriebswirtschaftslehre, Volkswirt­schaftslehre und Sozioökonomie, in welcher Soziologie und empirische Sozialforschung sowie Psychologie  verankert waren. Sie praktizierte das System des „Kleingruppenkonzeptes“. Die Aus­bildungsgänge erlebten im Laufe ihrer Geschichte sehr große Nachfrage, so dass die Fakultät zeit­weise zu einer der größten des Faches in Deutschland anwuchs und mit Überlast gearbeitet wer­den musste. Für Helmut Giegler war nun durchaus anregend, dass verschiedentlich auch Gegen­stände aus der Ökonomie eingebracht werden konnten und wurden. Umgekehrt war auch für Öko­nomen, empirische Methoden von Grund auf zu erlernen, von Interesse. Der Lehrstuhl hatte stets großen Andrang, und Giegler betreute dementsprechend sehr viele Studierende.

Dass Empirie nicht im freien Raum stattfindet, sondern nur Sinn macht vor historisch-theoreti­schem Hintergrund, also theoriegeleitet eine Problemstellung, eine Forschungsfrage zu formulie­ren und zur Analyse des Forschungsgegenstandes naheliegende, mögliche empirische Wege, Vor­gehensweisen zu reflektieren und zu diskutieren sind, waren für ihn selbstverständliche Vorausset­zung für das Studium des Faches. Diese Gründlichkeit ermöglichte das 4-semestrige Projektstudi­um nach dem Vordiplom.

Die WiSo erfuhr im Zuge einer Umstrukturierung eine Umbenennung in Wirtschaftswissenschaftli­che Fakultät (zum WS 2001/02). Damit ging ein Wechsel der sozialwissenschaftlichen Fächer an die dadurch erweiterte Philosophische Fakultät I einher, von da an Philosophisch-Sozialwissen­schaftliche Fakultät genannt.

Nach dem Wechsel an die neue Fakultät arbeitete er nun mit Haupt- und Nebenfachstudierenden im Magisterstudium. Gespeist aus den nun sehr heterogenen Fachgebieten ergaben sich wieder­um zusätzlich noch etwas andere interessante Inhalte, die nun zu Studienprojekten werden konn­ten.

Vor dem Ende seiner Tätigkeit begegnete ihm der „Bolognaprozess“ (dem er skeptisch gegenüber­stand), die Phase der Umstrukturierung in Bachelor-Master-Studiengänge (2007/08) und im Zuge dieser Studienreform auch die Abschaffung des Magister-Studienganges.

Im Ruhestand zog er um 2010 wieder nach Hamburg, kam aber häufiger, da er weiterhin noch an beiden Fakultäten Dissertationen betreute.

Helmut Giegler produzierte keine Listen mit Publikationen, geschweige denn: konstruierte solche. Wirklich wichtig waren ihm seine Studierenden, die nicht selten stöhnten, wenn es um „saubere“ Erhebung, Typenbildungen, Clusteranalysen, Signifikanztests oder  differenzierte qualitative Ver­fahren ging. Er hatte von Anfang an viele Studierende, die er – so muss man sagen – wohl auch entfacht durch seine Leidenschaft für sein Fach und nicht zuletzt durch seine Kompetenzen moti­vieren, ja mitreißen konnte (und dies, obwohl alle bald merkten, worauf sie sich einließen). Hierin liegt wohl sein wesentliches Wirken. Dieses Arbeiten machte ihm buchstäblich Spaß.

Er hatte durchaus auch Skrupel im Umgang mit Statistik - was wichtig ist, aber es oft nicht einfa­cher macht -, und so konnte er im Verwertungszusammenhang überdehnte Interpretierungen oder zu starke Verallgemeinerungen von Ergebnissen u.ä. nicht akzeptieren. Giegler mochte keine „Fliegenbeinzählerei“. Im gewissen Sinne hatte er in seiner Arbeit Züge eines Perfektionisten.

Wenn ihm einmal etwas ganz gegen den Strich ging, entfuhr ihm leicht ärgerlich, aber etwas iro­nisch: „Das ist ja albern“. So kritisch er war, so ließ er sich auch auf Kritik an seinen Vorschlägen ein, sofern das „Gegenüber“ auf sein: „Ja, gut, aber Argumente!“ etwas Akzeptables anbot - und dann wurde auch manches anders gemacht.

Dass Helmut Giegler Lehre an der Universität für bedeutsam hielt, zeigt sich auch darin, dass er mit der Einführung von Studiendekanen als erster dieses Amt für die WiSo übernahm, das er ernst nahm und sich in seiner schwierigen Aufgabe der Lehr-Evaluierung sehr engagierte, eine zeitauf­wändige und anstrengende Arbeit. Ferner war er eine zeitlang Vorsitzender des Prüfungsaus­schusses sowohl an der WiSo- als auch später an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fa­kultät. Auch war er Mitglied des Leitungsgremiums des Institutes für Interdisziplinäre Informatik.

Eigentlich waren administrative Angelegenheiten und auch Organisatorisches gar nicht seine Sa­che (das überließ er anderen), so dass manches an ihm vorbei gegangen ist. Er war ein Individua­list.

Seine Bescheidenheit – eine eher angenehme Eigenschaft – ließ ihn nach außen nicht sehr her­vortreten, wie es manch anderen gelingt und auch wichtig erscheint. So war er auch kein „Drittmit­tel-Jäger“, obwohl dann am Lehrstuhl größere Projekte von anderen aquiriert werden konnten. Hel­mut Giegler hatte - wie soll man es anders ausdrücken: ein wirklich menschliches Wesen; er war geduldig, wohlwollend, tolerant, ja nachgiebig, manchmal zu nachgiebig – nicht in seinen fachli­chen Erwartungen, sondern eher ließ er hier und da zu viel Zeit etwa bei Promotionen oder anderen Arbeiten. Rückblickend hat er das auch einmal ähnlich formuliert. Er konnte niemandem wirklich „die Pistole auf die Brust“ setzen. Auch intern hätte er die Zügel manches Mal etwas straf­fer ziehen und hier und da etwas strenger sein können, aber er war eben so (geblieben), wie er war, und das mochten viele an ihm. Auch werden ihn wohl viele als einen Menschen in Erinnerung behalten, der sich sein positives Denken und seine Begeisterungsfähigkeit bewahrt hat.

Helmut Giegler starb am 10. Juni ; er wäre Ende Juli 70 Jahre alt geworden.

Der Verfasser konnte mit Helmut Giegler wenige Tage vor seinem Tod - er war kurz zuvor in ein Hamburger Hospiz gekommen -  am Telefon noch ein paar Worte sprechen. Sein letztes Wort – zum Abschied war: „Tschüss“ - Ja, tschüss, Helmut Giegler …

 

Jürgen Cromm

im Juni 2017